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Reisenotizen

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Reisenotizen:

Marokko – Ägypten – Libanon

04.Oktober 2012 – 11.Februar 2013

1. Reisenotiz

08.10.12 – Marokko – Qued Laou – 26°Celsius

Nach einer Nonstop Höllenfahrt von Berlin, über Kassel nach Marokko bin ich, wie von Geisterhand gesteuert, an einen der schönsten Orte gelangt, den ich je gesehen habe.

Durch Deutschland bin ich wie durch einen Wasserschlauch gefahren, selbst der schnellste Scheibenwischerintervall meines Autos (das gestern von mir “trigger” getauft wurde, er ist ein toller Begleiter und hat bisher hervorragend durchgehalten, obwohl sein Fahrer in Frankreich und Spanien ständig geflucht und wie ein Rohrspecht geschimpft hatte) konnte die Wassermassen kaum von meiner Frontscheibe schaffen, durch Frankreich bei Nacht war richtig schlimm und über Spanien schreibe ich ein eigenes Kapitel. Den Felsen von Gibraltar hatten die Spanier, aus welchen Gründen auch immer, vor mit versteckt – woher sollte ich wissen das der in Spanien Cadiz heißt?

Irgendwie schaffte ich es auf eine Fähre von Tarifa nach Tanger in der Nacht. Europa entfernte sich mehr und mehr und Afrika kam immer näher und meine Vorfreude blühte nach Tagen der Entbehrung wieder auf. Diese wurde in Tanger völlig ausradiert und veranlasste mich zur sofortigen Flucht aus Tanger (eigenes Kapitel). Hätte ich zu dieser Zeit einen Wunsch frei gehabt, ich hätte mich umgehend in mein Bett in Berlin teleportiert.

Ohne einen marokkanischen Dirham in der Tasche, völlig übermüdet und mit fast leerem Benzintank sah ich von einer Gebirgsstraße in einem Tal einen kleinen Ort. Ohne nachzudenken bog ich von der Hauptstraße ab und entdeckte bald einen Bankautomaten, allerdings wollte der partout nicht mit mir auf englisch kommunizieren sondern blieb hartnäckig französisch. Da ich nicht einmal ansatzweise verstand, was der Automat von mir wollte, brach ich den Vorgang ab. Langsam fuhr ich Richtung Ortsmitte, ein Marokkaner mit einer schwarz/gelben Verkehrsweste ging neben mir her und fragte mich: “Can I help you? Do you want a little place for sleep?” Ich wusste nicht, ob ich aufs Gaspedal treten oder doch erst einmal etwas Vertrauen investieren sollte. Ich entschied mich für Letzteres und erklärte dem Mann meine Lage. Ich fasste meinen Mut zusammen, versetzte meine Vorsicht auf höchste Wachsamkeit und folgte dem Mann. Nach kurzer Zeit stand ich vor einem Bankautomaten der mit mir englisch kommunizierte und ich hielt 2000 Dirham (ca. 200 €) in meinen Händen. Ich fuhr mit dem Mann zu seinem angekündigtem “little place”. Dort angekommen wusste ich sofort, hier will ich wohnen und erwartete einen astronomischen Preis. Als wir uns nach etwas Verhandeln auf 150 Dirham pro Nacht einigten, schlug ich ein. Heute haben wir noch einmal verhandelt und uns auf 120 Dirham/pro Tag geeinigt, wenn ich eine Woche bleibe.

Der freundliche Marokkaner heißt Mohamed Dobdobi und der kleine Ort Qued Laou.

Ich bin jetzt den zweiten Abend in Qued Laou, letzte Nacht habe ich eine heiße Dusche und eine warme Mahlzeit genossen, anschließend bin ich bei leisem Wellengesäusel eingeschlafen und gut erholt aufgewacht. Es ist jetzt kurz nach 18 Uhr und die Sonne geht langsam unter, in Deutschland ist es jetzt 20 Uhr, da dürfte die Sonne schon untergegangen sein. Ich sitze auf der Terrasse über meiner Wohnung vor meinem Laptop und habe das Mittelmeer direkt vor mir, es ist ein tolles Gefühl. Vor dem Hintergrund, dass es mir die ersten drei Tage meiner Reise so richtig schlecht erging, ist dies ein Moment der Erleichterung und Hoffnung. Bis jetzt habe ich noch keinen Ausländer getroffen, was mich nicht weiter stört. Einige Marokkaner sprechen recht gut englisch, ansonsten verständigt man sich mit den Händen. Einige wirken ein wenig skeptisch mir gegenüber, die meisten sind ausgesprochen nett und jeder grüßt hier jeden. Mohamed kommt ab und zu vorbei und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden und fragt, ob ich etwas brauche; er kann fast alles besorgen. Eben hat er mir zwei Bier vorbeigebracht, die ich jetzt genüsslich trinke, während ich diesen Text tippe. Er verlangt immer einen kleine Tip (Trinkgeld), bei uns verbirgt sich diese Dienstleistung hinter dem Wort „zuzüglich“. Ich gebe das gerne, da es sich (auch summiert) um kleine Beträge handelt. Bei seinem letzten Besuch habe ich ihm Vollkornbrot und zwei Äpfel aus meines Vaters Garten geschenkt, offensichtlich war das etwas Neues für ihn, zumindest nichts Alltägliches.

2. Reisenotiz

09.10.2012 – Marokko – Qued Laou – 25°

Heute bin ich zum Markt von Qued Laou gegangen, unterwegs traf ich Mohamed, der mich, wie selbstverständlich, zum Markt bekleidete. Auf dem Markt habe ich wohl bedacht, dass ich einen “europäischen” Magen habe und so habe ich bei der Auswahl Vorsicht walten lassen. Ich brauchte auch eine Jeans und lernte die marokkanische Art des Anprobierens kennen. Der Bund wird um den Hals gelegt und wenn er den Hals umschließt, dann passt die Hose. Umschließt er nicht ist die Hose zu eng, überlappt er ist sie zu weit. Mangels Umkleidekabine hatte ich keine Wahl als mich darauf zu verlassen. An Ort und Stelle wurde die Hose auf die richtige Länge umgenäht und für 200 Dirham gekauft. Als ich sie später anprobierte passte sie perfekt.

Die Menschen hier sind sehr angenehm, wenn man nicht wie ein hochnäsiger Europäer daher kommt, der alles besser weiß und kann, wird man respektiert. Das Miteinander ist hier persönlicher als ich es aus Deutschland kenne, aber auch unverbindlicher. Allerdings bedeutet ein Handschlag soviel wie ein unterschriebener Vertrag. Für mein Domizil habe ich nichts ausgefüllt, oder unterschrieben. Als die Miete den Besitzer wechselte gab man sich die Hand und die Sache war gegessen.

Die Verständigung klappt auf eine eigentümliche Art ganz gut. Neben Arabisch spricht hier jeder Französisch und zum Teil auch Spanisch, Englisch geht aber auch meistens, zumindest für die Grundverständigung. Mir steht leider nur Englisch zur Verfügung, mit Deutsch brauche ich es erst gar nicht zu versuchen. Mohamed spricht, zum Beispiel, recht gut Englisch mit einem angenehmen Akzent. Er mischt oft arabische, spanische und französische Wörter in Sätze mit ein, aber aus dem Kontext verstehe ich immer was er meint. Mir fällt es sogar leichter mich so zu unterhalten, da ich meinerseits nicht ständig auf den korrekten Satzbau achten muss.

12.10.2012 – Qued Laou – kurz nach Sonnenuntergang

Ich sitze schon wieder mit meinem Laptop auf der Terrasse. Es ist zwar noch warm, aber mir pfeifen Windböen vom Mittelmeer um die Ohren. Meine Art Drogen zu konsumieren.

Vorhin haben mich zwei Männer auf der Straße angesprochen: „Do you like some Haschisch, do you like something special, good cocaine, very good cocaine“. Nachdem ich ihnen versichert hatte das ich keinerlei Drogen konsumiere, wurde ich mit der Krankheitsgeschichte des Wortführers konfrontiert, er habe Asthma und ob ich ihm nicht Geld für Medikamente geben könnte. In der Tat, der Mann sah auch sehr krank aus, aber ich spielte den „I don´t understand“ Deutschen und erzählte meinerseits eine kurze Geschichte – auf deutsch. Mit dem Zeigefinger auf mein Handgelenk tippend eilte ich weiter meines Weges.

In Marokko kann man sein Geld in vielerlei „Dienstleistungen“ investieren. Gestern Abend sprach mich ein, offensichtlich selbsternannter, „Guardian“ an. Ein hagerer älterer Mann in einer orange/schwarz gestreiften Verkehrsweste und einem rot angemalten Baseballschläger erklärte mir in einem Sammelsurium aus verschiedenen Sprachen, das er nachts die Autos in der Straße bewacht, also auch meines. Aus dieser Nummer kam ich nicht raus, widerwillig bezahlte ich ihm 15 Dirham für die Nacht.

Meine Hauptvermieter Fudal, ein pensionierter Lehrer und seine Schwester Shusha sind die Freundlichkeit in Person. Ständig ein nettes Lächeln und freundliche Worte. Shusha erzählt mir ab und zu irgendwas auf arabisch, sie weiß, dass ich sie nicht verstehe, aber das hindert sie in keiner Weise.

Soeben ist noch einmal Mohamed vorbei gekommen, seine Frau hat für mich Couscous gekocht, zusammen mit meinem selbst bereiteten Essen bin ich für die nächsten Tage gut gerüstet. Bei unserem anschließenden Gespräch haben wir herausgefunden, das wir beide am 8. November Geburtstag haben. Er ist vier Jahre jünger als ich. Morgen früh will er mir den großen samstäglichen Markt zeigen, da kommen wohl auch viele Händler aus den umliegenden Bergen und bieten ihre Waren feil. Ich bin gespannt. Sehr wahrscheinlich werde ich meinen Aufenthalt in Qued Laou um mindestens eine Woche verlängern. Dann vielleicht über Fés an die Atlantikküste Marokkos und anschließen noch einmal für eine Woche nach Qued Laou. Ein bisschen bin ich in die Eigenheiten der Menschen hier eingetaucht, aber nur ein ganz klein wenig. Und wer weiß schon was mich alles in Algerien erwartet, voraussichtlich werde ich Anfang November die Reise dorthin antreten – ohne Visum… „wird bestimmt ein Spaß“, würde Captn Kirk jetzt sagen.

13.10.2012 – Marokko – Qued Laou – 22°

„Hey rein, come on, we`re going to the big market. Today is the day where the musilmen [Orginalton Mohamed] kill the sheep“, mit diesen Worten betrat Mohamed mein Zimmer. Der große Markt liegt außerhalb von Qued Laou und so lernte ich das Bussystem von Q.L. kennen.

Das Bussystem von Qued Laou: Ein schon etwas in die Jahre gekommener Kleinbus, als öffentliche Verkehrsmittel rein äußerlich nicht zu erkennen, fährt unter ständigem Gehupe langsam die Straße entlang. Wer mitfahren möchte stellt sich an den Straßenrand und zeigt mit dem Finger auf den Boden. Mitgenommen wird alles was irgendwie transportiert werden will oder muss. Der obligatorische Beifahrer hält nicht nur die Tür während der Fahrt zu, er hilft auch beim Einräumen und kassiert zwischendurch ab (Umgerechnet ca. 50 Cent). Auch eine Ziege war Fahrgast. Bei der Fahrt unterhielten sich alle recht angeregt. In einem Linienbus der BVG wird man das so nicht erleben.

Am Markt angekommen kommt man direkt in einen Strom aus Menschen, Tieren und Fahrzeugen. Ständig wird gehupt und Marktschreier brüllen durch billige Lautsprecher. Stand an Stand dicht gedrängt, dazwischen Vieh, auf dem Boden sitzende Frauen die Kräuter anbieten, der Wind treibt Rauchschwaden über den Platz. Zwischen Ruinen wird eine Unmenge an Waren angeboten, von modernen Mobiltelefonen über Esel, bis hin zu billigen Trödel. Am meisten ist mir die Vielzahl an Eimern aufgefallen, unheimlich viele Eimer in allen möglichen Größen und Farben. Ich bin völlig überfordert und kann Mohamed kaum folgen, aus der Hüfte mach ich mit meiner kleinen Kamera Schnappschüsse. Zum Schluss kaufe ich nur ein Paar wenige Dinge, ich gebe Mohamed das Geld und er kauft sie für mich. So komme ich um den „Ausländeraufschlag“ herum. Zurück geht es zu siebt in einem Taxi, einem Mercedes. Mercedes ist in Marokko die beliebteste Automarke, erklärt mir Mohamed.

Wieder zurück in Q.L. mache ich mir einen Kaffee und sehne mich ein wenig nach einem Berliner Supermarkt, wo man es zwar manchmal mit kurz angebundenen Verkäuferinnen zu tun hat, aber die Ware wohl sortiert und mit Preisauskunft in den Regalen steht. So etwas gibt es in Q.L. nicht. Es gibt eine Vielzahl an kleinen Läden die ihre Verkaufstheke direkt zur Straße hin haben und der Preis ist, so scheint mir, oft Verhandlungssache. Supermärkte gibt es nur in größeren Städten und Q.L. hat zwischen 10- und 20.000 Einwohner, so genau weiß das hier niemand.

Am Abend kam, wie immer, Mohamed vorbei, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen. Er fragt immer, ob ich auch genug gegessen habe, er erinnert mich ein wenig an meine Mutter. Diesmal hat er einen „Dschellaba“ (so verstehe ich zumindest) dabei, den seine Frau für mich angefertigt hat. Es handelt sich dabei um einen traditionellen arabischen Mantel mit Kapuze in den man von unten hinein schlüpfen muss. Er ist unwahrscheinlich schön, ich sehe darin allerdings sehr lächerlich aus. Ich habe auch schon einen großen Tontopf bekommen, keine Ahnung wie ich den in mein Auto bekommen soll. Mir ist das etwas unangenehm, ich habe immer das Gefühl mich revanchieren zu müssen, obwohl Mohamed sagt, das ich das nicht müsse. Ich habe seiner Frau Wein besorgt, bzw. von Mohamed besorgen lassen, er kennt schließlich den Geschmack seiner Frau besser als ich, ich habe auch etwas mehr Trinkgeld als üblich gegeben und seinen Kindern eine Packung Knicklichter geschenkt. Das fanden sie faszinierend, wie aus knicken und schütteln farbiges Licht entsteht.

So, und nun wende ich mich meiner Schlafstätte zu.

3. Reisenotiz (Expedition)

26.10.2012 – Marokko – Qued Laou – 21°

„Heute ist ein guter Tag für eine Expedition“, dachte ich mir am Sonntag (21.10.) beim Aufstehen, außerdem hatte ich nicht länger gebucht. Ich fragte Fudal, ob ich einige meiner Sachen bei ihm lassen könne, da das kein Problem war, macht ich mich mit trigger, Laptop, iPad, Schlafsack, Schaufel, Spitzhacke, natürlich meinen Dokumenten, Kochgeschirr, dies und das und guter Laune auf den Weg.

Durch Schluchten und über Berge fuhr ich durch Ouezzane Richtung Fés, der sagenumwobenen Stadt. In Fés angekommen sah ich Kolonnen von Reisebussen, ein riesiges Aufgebot an wimmelnden Menschenmassen und für mich keinen Grund anzuhalten. Also weiter nach Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Auf dem Weg dorthin stellte ich fest, warum ich in Qued Laou keinen Polizisten gesehen hatte. Die standen hier an jeder zweiten Kreuzung (Kreuzung ist falsch, in Marokko gibt es, wie in Spanien, „Kreiselverkehr“). Nun ja, jedenfalls hatten sie sich einige Meter vorher aufgestellt. Mit „Reifenplattmachpicksern“ (keine Ahnung wie der Fachausdruck sich dafür nennt) rechts und links, dazwischen eine kleine Gasse, die es den Polizisten erlaubte, einen weiter des Weges ziehen zu lassen, oder mal herauszuwinken. Einmal ist es mir auch passiert, das war aber auch so was von gut ausgedacht,“alle Achtung“.

Kurze Schilderung des Ereignisses: Im Tal hatten sie sich postiert, es war schon dunkel, und beobachteten den Verkehr der sich Talwärts die Serpentinen herab schlängelte. Da auf der gesamten Strecke ein durchgezogener Mittelstreifen aufgemalt war, wussten sie sofort, dass ein Auto, das überholt, gegen die Verkehrsregel verstößt: „Du darfst nicht über einen durchgezogenen Mittelstreifen fahren“. Da sich auf dieser Strecke vor mir ein Laster mit weniger als 20 Km/h die Straße herunter quälte und hinter mir ein Lichthupenfeuerwerk stattfand, beschloss ich mal kurz zu überholen. Kurz runter geschaltet, Gas gegeben und schon war ich vorbei und wurde im Tal von der Polizei heraus gewunken. Einem freundlich aufgelegten Polizisten zeigte ich meine Papiere, der erzählte mir auf Französisch was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte ihn recht gut verstanden, gab ihm aber zu verstehen, dass ich kein französisch kann und er bitte mit mir englisch reden möge. Eine vernünftige Konversation kam nicht zustande und mit einem unmissverständlichen Augenzwinkern und einer klaren Geste seiner Hand zog ich weiter. Von hier an versuchte ich die Verkehrsregeln einzuhalten, was mir nicht gelang – mir nicht gelingen konnte, es lag ja noch Rabat vor mir.

In Rabat kam ich um zirka 2 Uhr nachts an. Die Stadt ruhte und nur wenige Autos und Menschen befanden sich auf den Straßen. Da ich überall herumkurven konnte, dachte ich mir „schau dir doch mal die Außenbezirke an“. Gedacht – getan. Ich sah viel Elend, notdürftig zusammen gebaute Behausungen, es roch unangenehm und ein depressives Gefühl überkam mich. Fragen und mögliche Antworten stauten sich in meinem Hirn und fanden nicht zusammen. Wo dem einen sein Wohlstand – bleibt dem anderen nur sein Elend (?). Die Straße versumpfte zunehmend und ich brauchte jede Pferdestärke meines Autos um mich frei zu kämpfen. Auf dem Rückweg wurde ich zweimal von Hunderudeln angegriffen, sie fühlten sind sicherlich vom Motorengeräusch meines Autos und dem Scheinwerferlicht bedroht, aber mir rutschte das Herz beim ersten Angriff in die Hose und ich hatte Glück, dass mein Fenster fast geschlossen war, so blieb nur etwas Speichel an meiner Scheibe. Ich sah ein Schild mit der Aufschrift Casablanca und folgte dem Richtungshinweis.

Nach einiger Zeit gab mich Rabat frei und ich hörte kurz vor Mohammedia ein Rauschen, es rauschte der Atlantik. Ich hielt an und sah ein beeindruckendes nächtliches Naturschauspiel, die Wellen brachen sich in hohen Fontänen und der Atlantik toste mit all seiner Macht – ich habe vor Ehrfurcht beinahe geheult.

Der sich ankündigende Morgen brachte mich nach Casablanca, ich sah die Stadt erwachen und damit auch den Verkehr. In eine marokkanische Stadt hineinzukommen ist recht einfach, aus ihr herauszukommen eine, zur Verzweiflung neigende Angelegenheit, Richtungshinweise gibt es kaum. Ich war auf einmal in einem Malstrom von Verkehr, auf dreispurigen Straßen fuhren fünf Autos nebeneinander, es wurde gehupt, als ginge es um die Weltmeisterschaft, Fußgänger, Fahr- und Motorradfahrer fuhren bzw. gingen dazwischen in alle möglichen Richtungen, es war das Grauen!

Nach einer Stunden dauernden Irrfahrt kam ich aus Casablanca heraus und nach Azemmour, einer sehr schönen kleinen Stadt. Neben der Polizeistation parkte ich trigger und ging über den Marktplatz. Es roch wunderbar nach Gewürzen, ich sah Berge von Kardamom, Kurkuma, sonderlich anmutende Maschinen der Gewürzverarbeitung. Mir ging das Herz über! Meine Sinne waren außer sich vor Freude; ich hätte mich am liebsten in die Gewürze hinein geschmissen und ausgiebig gebadet. Gerne wäre ich hier geblieben, aber das scheiterte an der ergebnislosen Suche nach einer Unterkunft. Ab Rabat konnte ich mich mit keinem Marokkaner auf englisch verständigen. Ich verstand zwar mehr Französisch als ich gedacht hätte, aber es reichte nicht aus. So zog ich weiter nach Marrakesch. Kurz vor Marrakesch sah ich das Atlasgebirge, auf ihm ruht tatsächlich der Himmel, mag man meinen. Erhaben ragt das Gebirge gen Himmel und wird mit ihm eins. Ich bemerkte einen kleinen felsigen Berg, der neben der Landstraße aus dem Boden ragte, hielt an und verstaute mein Kochgeschirr, Wasser und ein paar Lebensmittel in meinem Rucksack, hängte mir meinen kleinen Klappstuhl über die Schulter und erklomm mit der Spitzhacke in der Hand den kleinen Berg. Oben auf dem Berg setzte ich mich auf den Klappstuhl und kochte mir eine Suppe. Ich genoss den Ausblick, die Suppe und den wunderbaren Sonnenuntergang.

In Marrakesch angekommen wird man erneut in den Verkehrsmoloch hinein gestoßen, aus dem sich zu befreien unzählige Nerven ihre Enden finden. Jedenfalls bei mir. Von da an beschloss ich, nur noch die marokkanische Autobahn zu benutzen um so schnell wie möglich zurück nach Qued Laou zu kommen. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass dem rechten Vorderreifen meines Auto langsam die Luft ausging. Ich musste an jeder Raststätte halten und den Reifen aufpumpen. Apropos Raststätten, die sind in einem fantastischen Zustand, sie sind sehr sauber, man kann dort duschen, gut essen, es befindet sich dort auch ein Gebetsraum und im Auto schlafen ist auch kein Problem. Marokko ist ein Land voller Gegensätze, tolle Autobahnen und Raststätten – höllisch gefährliche Landstraßen und kollabierender Stadtverkehr. Wunderschöne Farben, berauschende Düfte, atemberaubende Landschaften und tristes Elend.

In Qued Laou angekommen traf ich nach 10 Minuten Mohamed und wir fuhren gemeinsam zu Fudal. Ich bezog wieder meine Wohnung mit Dachterrasse und ich holte meine Sachen, die er für mich aufbewahrt hatte. Nach dem Abendessen fuhr ich mit Mohamed zu einem Automechaniker, der mir für 20 Dirham den Reifen reparierte. Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich den Preis immer durch 10 teilen muss um ihn in Euro umzurechnen.

Heute beginnen marokkanische Feiertage, bis Sonntag sollen sie dauern. Ich hab noch nicht genau verstanden was vor sich geht, irgendwas mit Schafen, so scheint mir.

Ein Versuch wiederzugeben was ich verstanden habe: Das Fest nennt sich Laid und zu Ehren Allahs werden in ganz Marokko Schafe geschlachtet. Laid ist ein wandernder Feiertag und wird nach dem Mond festgelegt, wie bei uns Ostern und Pfingsten. Die Schafe werden nach einem Ritual geschlachtet: Bei Sonnenaufgang werden die Schafe in Richtung der Sonne auf den Boden gelegt, Allah wird gedankt und mit zwei Schnitten wird dem Schaf das Ende bereitet, das klingt möglicherweise brutal, aber was passiert denn in den Schlachtfabriken auf der ganzen Welt?Dann wird das Schaf aufgehängt und man lässt es ausbluten, währenddessen werden die Innereien entnommen und zubereitet. Morgen und Übermorgen wird anscheinend der Rest verarbeitet. In meinem Kühlschrank liegt frische Schafleber, die mir geschenkt wurde. So ein Geschenk abzulehnen wäre eine Beleidigung gewesen.

Heute hat mich Mohamed erneut überrascht. Er brachte mir fünf Eier seiner Hühner mit, aber die Hauptüberraschung war, ich bin jetzt stolzer Besitzer von 100g Kardamom, 50g Safran (allerdings in Pulverform (?)), 100g Libsar und 50 Päckchen Sgingbür (Sgingbür wird anscheinend zum Färben von Speisen verwendet und soll eine angenehme Würze besitzen – soll nur in kleinen Dosierungen verwendet werden) , mein ganzer Raum ist erfüllt von angenehmen Geruch. Bei den beiden letztgenannten bin ich mir nicht sicher, um was es sich handelt. Aber egal.

Vielleicht ist das ja der Beginn meines Gewürzvertriebs, das könnte ein Beruf für mich sein, den ich gerne ausüben würde. Möglicherweise werde ich an den deutschen Zoll- und Gesundheitsbehörden scheitern, aber man kann es ja mal versuchen… für die Gewürze habe ich 150 DH bezahlt, zieht man den Tip für Mohamed ab, habe ich etwas mehr als10 € dafür bezahlt. Stellt man den Handel auf die Basis von „Fair Trade“ könnte vielleicht, unterm Strich, genug Geld zu verdienen sein, um hier und dort ein Grundeinkommen zu ermöglichen – who knows? – „Die Zukunft liegt noch fünf Monate entfernt“!

4. Reisenotiz

07.11.2012 – Marokko – … – …

Um es vorweg zu nehmen: Ich war direkt an einem Grenzübergang an der Algerischen Grenze!

Sonntag, 04.11. Mein Aufbruch nach Algerien. Vor genau einem Monat war ich in Qued Laou gestrandet und traf glücklicherweise auf Mohamed. Gegen Mittag verstaute ich alle meine Sachen in meinem Auto. Mohamed sah mich traurig an und ich war auch betrübt. Wir umarmten uns und ich sagte ihm, dass man sich immer zweimal im Leben sieht. Ich startete trigger und fuhr Richtung Osten, Algerien entgegen. Zunächst ging es lange Zeit die Küstenstraße entlang und Marokko zeigte sich noch einmal in seiner ganzen Schönheit. Von oben sah ich auf das Mittelmeer hinab, sah wie Flüsse in das Meer flossen und sich beide Blautöne miteinander vermischten. Es war richtiges „Fahrwetter“, es war nicht zu heiß und durch die Dachluke des Autos drangen angenehme Düfte in das Innere. Zu meiner rechten Seite wechselten sich Steinformationen ab, mal bizarr zerklüftet, dann wieder fratzenartig und monströs, bis hin zu erhaben anmutig und ab und zu sah ich die riesige Gebirgslandschaft, die dahinter aufragte. Wäre ich zwei gewesen, wäre einer gefahren und der andere hätte in der Dachluke gestanden und nur fotografiert.

Manchmal musste ich eine entgegenkommende Schafherde an mir vorbeilassen und ab und zu einen Esel- oder Pferdewagen überholen. Sonntags sind die Straßen in Marokko angenehm leer, anders als an den übrigen Tagen. Nach einiger Zeit roch ich einen beißenden Gestank im Wagen und meine Kontrollleuchten blinkten kurz auf. Ich hielt sofort an und schaute in den Motorraum; mit meinen gegen Null tendierenden Kenntnissen über Verbrennungsmotoren entdeckte ich nichts ungewöhnliches. Ich überprüfte Öl- und Wasserstand und rüttelte ein wenig an diversen Leitungen. Schließlich setzte ich mich also wieder in das Auto und betätigte die Zündung. Es passierte nichts! Absolut nichts! Nicht das geringste Geräusch war zu hören. Mein erster Gedanke war, dass der Motor vielleicht zu heiß geworden war und so wartete ich einige Zeit und machte erst einmal eine längere Pause. Ich setzte mich an den Straßenrand und verspeiste Fladenbrot und Käse und trank einen Kaffee. Nach einer guten halben Stunde versuchte ich es erneut – nichts. Während meiner Pause hatte ich die Landschaft begutachtet und bemerkt, dass ich im absoluten Nichts der Zivilisation stand. Gut, das ist jetzt sicherlich übertrieben, aber so fühlte ich mich. Jedenfalls war keine Behausung zu sehen, oben am Hang graste eine Schafherde, aber ich konnte nicht erkennen ob die Begleitperson eine Hirtin oder ein Hirte war. Ab und zu rauschte ein Auto vorbei. Mir fiel ein, dass der Vorbesitzer von trigger ein altes Batterieaufladegerät zurückgelassen hatte und sofort erkannte ich das Problem: Leere Batterie! Zum Glück neigte sich die Straße vor mir ein wenig, Mit etwas Kraftaufwand brachte ich trigger zum Rollen, sprang auf den Sitz, schaltete in den zweiten Gang, lies die Kupplung kommen und gab gleichzeitig Gas und trigger meldete sich zurück. Ich stieß einen lauten Jubelschrei aus meinem Innersten aus und war überglücklich. Aber dennoch, ich hatte ein ernstes Problem! Ich war auf halben Weg zwischen Qued Laou und meinem Zielort Oujda, direkt an der Grenze zu Algerien. Sollte ich umkehren, zu meinem Mechaniker meines Vertrauens, oder sollte ich versuchen in Oujda einen Mechaniker zu finden? Ich entschied mich bis Oujda weiter zu fahren. Immerhin können öfters Probleme auftauchen und dann kann ich schließlich nicht immer nach Qued Laou zurück fahren. Bis Oujda war es noch weit und die Dämmerung brach herein. Am Abend brauchte ich eine Pause, mein ganzer Körper schrie nach Bewegung. Nach einiger Zeit fand ich eine ideale Stelle, leicht abschüssig und Platz zum Parken ohne den Verkehr zu behindern [Anmerkung: In Marokko sind Parkplätze bei Landstraßen kaum zu finden, was auch sehr ärgerlich ist um Fotos zu machen]. Ich musste den Asphalt verlassen und rollte nun auf erdigem Untergrund. In meiner Ermattung vergaß ich, dass zwischen Straße und Straßenrand in Marokko ein gewisser Höhenunterschied herrscht und meine Sensorik war zu diesem Augenblick so weit runter, dass ich nicht mehr viel mitbekam. Nach der nötigen Pause versuchte ich trigger auf die Fahrbahn zu bekommen, unter Aufbringung aller meiner Kräfte und nach vielen Anläufen gelang es mir nicht. Ich hatte schon wieder ein Problem: Wie beschaffe ich mir Hilfe? Auf der Fahrbahn mit der Taschenlampe zu wedeln erschien mir als zu gefährlich. Ich klebte mit Gaffa zwei DinA 4 Seiten zusammen und schrieb darauf: NEED HELP, BATTERIE LOW, JUST PUSH, 100 DIRHAM. Ich klebte die Seite an mein Fotostativ und befestigte an einem Bein des Stativs eine Taschenlampe, so dass das „Plakat“ gut beleuchtet wurde. Direkt neben dem Auto stellte ich es auf und es passierte nichts. Daraufhin bastelte ich ein zweites Plakat für die Gegenrichtung, klappte die Tür auf und klebte es daran fest. Wieder nichts. Mittlerweile wurde mir das Geräusch der Warnblinkanlage zu monoton, ich stellte sie aus, knickte und schüttelte drei kleine und ein großes Knicklicht und befestigte diese am Auto.

Nach zwei, oder drei Stunden bemerkte ich ein kleines Licht sich zickzackartig bewegend über das Feld kommen. Das kleine Licht wurde zu zwei Scheinwerfern und näherte sich meiner Position. Neben mir befand sich ein Landweg und ich hoffte, dass das Auto daraufhin zusteuert und so war es auch. Mit Gesten machte ich auf meine Notsituation aufmerksam und das Auto hielt an. Zwei Franzosen stiegen aus und verstanden mich nicht, daran hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich sagte zu ihnen: „ Batterie fini“, deutete auf die Motorhaube und strich mit meinem Zeigefinger über meine Kehle. Mit Gesten machte ich klar, dass ich Hilfe beim anschieben brauchte. Zu Dritt schoben wir trigger auf die Straße und der brummte sofort. Mit einem lauten: „Merci Beaucoup“ und drei Hubtönen bedankte ich mich und setzt meine Fahrt fort.

Gegen Mitternacht erreichte ich Oujda, die Autos wurden immer weniger und ich konnte mich gut durch die Stadt bewegen. Die Stadt war nicht sehr groß, ich fuhr durch die Straßen und versuchte mir die Standorte von möglichen Reparaturwerkstätten und Tankstellen zu merken. An einer abschüssigen Straße hielt ich an und versuchte das Batterieladegerät zu reparieren, was mir auch möglicherweise gelang. Was mir nicht gelang, war zu schlafen, zu viele Gedanken zogen kreuz und quer durch mein Hirn um Ruhe zu finden. Ich rollte die Straße herab und startete trigger. Ich fuhr durch Edelviertel und sah aber auch erneut die ärmlichen Viertel. Etwas außerhalb der Stadt suchte ich erneut einen Rastplatz, als ich ein Schild mit der Aufschrift „Frontière“ sah. Ich dachte mir, mit einem Grenzbeamten zu sprechen, um die Einreiseformalitäten zu erfahren, wäre eine gute Gelegenheit die Nacht zu überbrücken, in triggers Zustand konnte ich nicht die Grenze überqueren.

Auf dem Weg dorthin forderten mich zwei Polizisten zum halten auf, sie huschten kurz mit ihren Taschenlampen durch mein Gepäck und deuteten mir an weiter zu fahren. Ich fragte sie ob dies der Weg zur Grenze sei. In ihren Gesichtsausdrücken las ich, dass ich nicht verstanden wurde. In hanebüchenem französisch fragte ich unter anderem: „Direction frontière, Algérie?“. Als Antwort bekam ich: „Non!“ und mit einigen richtungsändernden Bewegungen seiner Hand versuchte mir der Polizist den Weg zu beschreiben. Nach einigen Versuchen erreichte ich tatsächlich den Grenzübergang und stand sozusagen vor „verschlossenen Türen“. Die Straße versperrt und kein Mensch weit und breit. Eigentlich dachte ich, dass Öffnungszeiten nicht für Grenzen gelten, aber offensichtlich war das hier der Fall. Auf meiner Rückfahrt traf ich erneut die beiden Polizisten. Ich sagte: „Frontière ferme“ und deutete mit meinen Unterarmen ein Kreuz an. Einer der Polizisten sagte: „Qui“. Irgendwie fühlte ich mich im falschem Film, oder ich hatte den Witz nicht verstanden. Wahrscheinlich traf beides zu, ich hatte jedenfalls keine Lust weiter darüber nachzudenken.

Bei meinem Versuch trigger in Oujda reparieren zu lassen wurde mir recht schnell klar, dass ich mich in der falschen Stadt befand. Entweder wurde ich nicht verstanden, oder wollte nicht verstanden werden, oder man deutete mir an, dass das sehr teuer werden kann, oder sagte mir, dass man eine Tankstelle sei und keine Reparaturwerkstatt, es waren auch noch ein paar andere Erklärungen dabei, aber an die erinnere ich mich nicht mehr, oder will mich nicht mehr erinnern. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und ich fuhr die weite Strecke zurück nach Qued Laou zu Mohamed und meinem Mechaniker meines Vertrauens!

Rückfahrt.

Weit hinter Oujda befand ich mich an einer Weggabelung, es gab zwei Möglichkeiten nach Tetouan zu kommen [Anmerkung: Qued Laou ist so klein, dass es erst ab Tetouan ausgeschildert wird], da ich die eine Strecke schon kannte, entschied ich mich für die andere, ein bisschen Abwechslung tut gut, dachte ich mir. Allerdings ahnte ich nicht wie viel „Abwechslung“ auf mich zukam.

Zuerst fuhr ich durch eine wunderschöne friedlich in der Mittagssonne ruhenden Landschaft, in der Ferne ragte das Gebirge in den Himmel. Vom Mittelmeer zogen die Wolken Landeinwärts und umschlangen die Gipfel. Nach einiger Zeit sah ich, dass das Land links und rechts der Straße überschwemmt war. War hier eine Naturkatastrophe im Gange, oder ist das hier so? Ich hoffte durch Täler zu fahren und nach oben zu den Bergen aufzuschauen. Aber die Straße begann sich immer weiter nach oben zu ziehen und Serpentinen deuteten nichts Gutes an, zumindest nicht für mich mit einem kranken Auto. Aber es ging immer weiter hinauf. Nach einer lang gezogenen Kurve erblickte ich einen Gipfel, der von einer großen Wolke umschlossen war und die Straße schien direkt darauf hin zu verlaufen. Nach weiteren Kurven sah ich, dass dem so war und nach kurzer Zeit fuhr ich tatsächlich in eine Wolke! Ich war total begeistert, wann fährt man schon einmal in seinem Leben in eine Wolke? Ich hielt meinen Arm aus der Dachluke und fühlte die leichte Nässe der Wolke. Nach kurzer Zeit schaltete ich den Nebelscheinwerfer ein, etwas später das Standlicht und schließlich das Abblendlicht, da die Sichtweite kaum mehr als 60 Meter maß. Eine Wolkenlücke tat sich auf und ich konnte in das sonnenbeschienene Tal sehen. „Da wäre ich jetzt gern“, dachte ich laut und tauchte in die nächste Wolke ein. Mittlerweile wurde es zunehmend anstrengend. Die Sichtweite ging immer weiter zurück. Auf einmal ging es auf einer langgestreckten Geraden wieder nach unten, direkt in ein großes Waldgebiet, das mich an den tiefsten Schwarzwald erinnerte; Moos bewucherte Bäume, Wildbäche, fahles Licht. Hier könnten Trolle tollen und Märchen entstehen. An den Straßenrändern wurden Waldpilze angeboten, ein improvisierter Stand nach dem anderen. Ich hätte gerne angehalten, aber mit einem kranken Auto und zu befürchtenden Sprachschwierigkeiten hielt ich das für keine gute Idee. Erneut kam ich in eine Wolke, langsam wurde es zur Qual, die Hände verkrampften sich um das Lenkrad und die Nase war nahe an der Windschutzscheibe. Aus der Wolke heraus kam ich in das nächste Dilemma, ich fuhr durch das Tor von Bab Berred direkt in den Marktplatz hinein. Wieder drängten sich Menschen, Tiere und Autos durch die engen Wege. Die ganze Stadt war mit Schlamm überzogen, ich fühlte mich wie im Mittelalter. An den Marktständen wurden auch Bananen angeboten die wie gelbe Lichter herausragten. Die perfekte Szenerie für einen absurden Film. Mein Problem war jedoch, ich kam so schnell voran, dass mich ein Mann mit Schubkarre überholte. Ich musste ständig den Gang raus nehmen um Gas zu geben, damit mir der Motor nicht ausging. Ich fühlte das trigger langsam keine Lust mehr hatte. [Anmerkung: Ich habe mir später die Landkarte genauer angesehen, der höchste Berg in der Region, und da muss ich auch unmittelbar vorbeigefahren sein, der Jbel Tidirhine misst stolze 2448 Meter].

Irgendwann kam ich aus diesem verwunschenem Land heraus und fuhr durch strahlenden Sonnenschein Richtung Tetoun um dort in strömenden Regen anzukommen. Auf der 40 Kilometer weiten Fahrt nach Qued Laou hörte der Regen auf und ich kam kurz nach Sonnenuntergang an. Nach wenigen Minuten traf ich auf Mohamed und ich bezog mein altes Zimmer bei Fudal, der mich mit schallendem Gelächter begrüßte. Ich schaffte noch mir die Schuhe auszuziehen und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit Mohamed zum Mechaniker, der konnte uns aber nicht weiterhelfen und wir schoben trigger zwei Garagen weiter zum „Électricien“. Der machte sich an die Arbeit und nach drei Stunden holten wir uns die Diagnose ab. Ich bin mir nicht sicher ob ich alles richtig verstanden habe, aber ich glaube die Lichtmaschine war hin. Er musste erst in Tetouan eine Neue besorgen und am folgenden Tag war ich um 1000 Dirham ärmer. Man erklärte mir, dass ich in Oujda als Europäer ein Vielfaches mehr bezahlt hätte und nur weil man mich hier kennt und Mohamed mein Freund ist, hat man mich wie einen Marokkaner behandelt. Da hat sich wohl die Rückkehr nach Qued Laou gelohnt (?). Jedenfalls konnte ich mit trigger wieder fahren. Der machte hier zwischen den ganzen dicken Autos eine recht gute Figur. Mir wurden schon 3000 € für ihn geboten, das Dreifache von dem was ich bezahlt habe. Vielleicht sollte ich Autohändler werden? Mohamed erzählte mir, dass das einige Europäer auch so machen. Sie kommen mit einem gebrauchten Auto nach Marokko, verkaufen es hier, machen ein paar Wochen Urlaub und fliegen dann wieder zurück – und haben dabei auch noch Geld verdient. Mit Mohameds Verhandlungsgeschick könnte das recht gut gelingen. Für mich kann ich mir das aber nicht wirklich vorstellen.

Nächstes Wochenende werde ich erneut versuchen Algerien zu erreichen – sofern mich Qued Laou loslassen sollte.

Draußen tosen die Wellen, Sturm kommt auf.

5. Reisenotiz

12.11.2012 – Marokko – Qued Laou – Oujda

Heute verließ ich Qued Laou endgültig, nachdem mich Mohamed und Fudal letzte Woche noch für ein paar Tage länger überredet hatten. Aber nun war es soweit. Die letzten Tage waren auch schon etwas kühler geworden und Nachts hatte es auch schon mal geregnet. Am Morgen hatte ich noch mit der deutschen Botschaft in Rabat telefoniert, ich wollte mich über die Formalitäten für den Grenzübertritt erkundigen. Marokko und Algerien sind sich nicht sehr grün, ein bislang schwelender Streit um Gebiete in der Westsahara ist wohl der Grund. Niemand konnte mir beantworten, ob ich überhaupt über die Grenze komme, die deutsche Botschaft allerdings auch nicht, das hat mich sehr verwundert, ich wurde noch an eine Nummer verwiesen die entweder besetzt war, oder niemand abnahm. Ich fuhr einfach los und verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass man mich hier vielleicht bald wieder sieht.

Bis zur Grenzstadt Oujda waren es ca. 420 Kilometer. Ab der Hälfte der Strecke wurde das Wetter zunehmend schlechter, es begann leicht zu regnen und es wurde kühler. Je näher ich Oujda kam, um so mehr regnete es. Regen und Landstraße sind in Marokko keine gute Kombination. Von den Bergen kommt abfließendes Regenwasser und überzieht die Küstenstraßen mit einer schlammigen Brühe. Schneller als 60 Km/h zu fahren ist nicht möglich. Ich setze mich hinter einen LKW und, mit ausreichend Sicherheitsabstand, benutze ihn als fahrenden „Wellenbrecher“. Es wurde schlammiger, die Straße immer schlechter und der Regen nahm Wasserfall ähnliche Ausmaße an. Ich war sichtlich überrascht, war ich noch in Marokko? Am späten Abend kam ich endlich in Oujda an, zuerst merkte ich es überhaupt nicht, der Großteil der Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet oder ausgefallen, keine Ahnung. Viele Wagen fuhren mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Der Regen schien fast undurchdringlich und das Wasser reichte stellenweise bis an das Unterblech heran. An den Straßenrändern standen einige Wagen die anscheinend den Wassermassen nicht standgehalten hatten. Straßensenken bildeten Untiefen die den Motorraum erreichten und in den Fahrerraum eindringen konnten. Zweimal entkam ich mit knapper Not dem „kentern“. Beim zweiten Mal musste ich so schnell eine Kehrtwende riskieren, das ich mit trigger über die mittlere Fahrbahnbegrenzung auf die Gegenseite schoss, es rumste laut und verdampfendes Wasser kam aus triggers Motorraum, aber er fuhr tapfer weiter! In der Nähe einer halbwegs gut beleuchteten Stelle hielt ich unter einem Baum an. An dieser Stelle floss das Wasser gut ab und ich fühle mich sicher. Nach einem Hotel zu suchen war zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee und ich schlief auf dem Fahrersitz ein.

Nach einem etwas unruhigen Schlaf wachte ich mit der Morgendämmerung auf, es regnete immer noch. Ich frühstückte im Auto. Bei meinem letzten Internetbesuch war mir aufgefallen das man im Hotel Ibis für 372 Dirham ein Zimmer bekommen konnte. Ich hielt es für eine gute Idee es mir mal so richtig gut gehen zu lassen, heiße Dusche, bequemes Bett und so. Ich dreht den Schlüssel um, trigger meldete sich zwar aber er sprang nicht an. Nach einigen weiteren Versuchen gab ich auf. Ein Junge kam vorbei, zeigte auf meinen Kühlergrill und sagt zu mir etwas was ich nicht verstand. Ich stieg aus und schaute nach, was ich sah macht mich nicht sehr glücklich. Trigger fehlte die Radkappe seines linken Vorderrades (kein Problem) und das Nummernschild war weg (großes Problem!). Sicherlich Folge der nächtlichen Katastrophenfahrt. Mein Körper ließ sich ermattet in den Fahrersitz fallen und mein Verstand arbeitete an einem Plan. Ich hätte auch Verzweiflung wählen können, aber in manchen Situationen hat Verzweiflung einfach nichts zu suchen und hält nur auf.

Mein Plan sah folgendes vor: Ich packte alle meine wichtigsten Dinge zusammen die gerade noch in ein Taxi passen könnten und stellte mich damit neben trigger. Nachdem einige Taxis an mir vorbei gefahren waren hielt ein Mercedes an, nach dem ich gar nicht gewunken hatte. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, das es sich um ein Taxi handelte. Ein Mann stieg aus und erkundigte sich auf englisch ob er mir helfen könnte. Im ersten Moment verstand ich nicht recht, wie mir geschah. War die Kavallerie in letzter Minute eingetroffen? Nein, es war einfach wunderbar. Ich sagte zu ihm, dass ich erst einmal ins Hotel Ibis möchte. Wir luden meine Sachen ein und fuhren los. Auf der Fahrt machten wir uns miteinander bekannt und ich erklärte ihm auch noch meine Probleme. Kahlid sagte zu mir, dass er sich mit mir darum kümmern wird. Ich fragte auch nach, ob solche Unwetter hier öfters passieren und während mir Khalid sagte, das dass ein großes Problem in Oujda darstellt, streifte eine Palme, die der Sturm umgerissen hatte und nun abgeschleppt wurde, sein Taxi und er schrie lauthals den Fahrer an. Er half mir noch meine Sachen ins Hotel Ibis zu schaffen und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

6. Reisenotiz

13.11.2012 – Marokko – Oujda

Im Hotel Ibis angekommen bemerkte ich, dass die meisten Gäste in feinen Zwirn gekleidet waren. Ich stampfte mit meinen durchweichten Turnschuhen, ungewaschen, unrasiert und etwas derangierter Kleidung der Rezeption entgegen. Eine Frau empfing mich mit einem freundlichen Lächeln und perfekten englisch. Wir machten uns an die Anmeldeformalitäten und mir wurde als Preis 580 Dirham angegeben. Ich bemerkte, dass ich das im Internet anders gesehen hätte, sie erwiderte darauf, das dass nur für Reservierungen per Internet gilt. Ich fragte, ob ich das noch schnell nachholen könnte, sie bejahte und zeigt auf einen Rechner im Foyer. Ich meldete mich schnell per Internet für zwei Tage an und bekam ein Zimmer für 372 Dirham pro Tag.

Ich duschte ausgiebig, rasierte mich und schlief vorzüglich in einem bequemen Bett. Am nächsten Tag bemerkte ich im Internet, dass meine Buchung widerrufen war, aus irgendeinem Grund hatte meine Bank die Zahlung verweigert. Ich lies mir erst einmal nichts anmerken und verließ das Hotel um mich mit Khalid zu treffen. Pünktlich um 10 Uhr holte er mich ab und wir fuhren erst einmal zu trigger. Trotz Starthilfe war nichts zu machen. Khalid telefonierte und wir holten einen Mechaniker ab, mit einem Beutel voll Werkzeug untersuchte er trigger und meinte zu mir, dass wir ihn in seine Werkstatt bringen müssten, er wollte ihn dahin schieben, ich hielt das für keine gute Idee. Da wir ihn an seiner Werkstatt abgeholt hatten wusste ich um die Entfernung. Es war nicht gerade um die Ecke. Nach einem kurzen Versuch trigger zu schieben brachen wir ab und es wurde Monseigneur „Dépannage“ herbeigerufen.

Ein gut aufgelegter älterer Mann kam mit einem fast genauso alten Abschleppwagen und lud trigger auf seine Ladefläche. Khalid und ich fuhren im Fahrerhaus mit und wir „rappelten“ der Werkstatt entgegen. Ich fühlte mich großartig, es hatte alles so viel Charme und es war auch irgendwie abenteuerlich. Außerdem war auch die Sonne bester Laune und die Temperatur war wieder auf 20° geklettert. Bei der Werkstatt angekommen gab ich Monseigneur „Dépannage“ 100 Dirham. Während der Mechaniker seiner Profession nachkam, machten sich Khalid und ich zur nächsten Polizeistation auf. Ich hatte am Morgen beim ADAC angerufen. Ich hatte mit verschiedenen Reaktionen gerechnet, wer verliert schon sein Nummernschild? Aber ich bekam eine klare Antwort, ich sollte mich bei der Polizei melden und dort würde man mir die nötigen Dokumente für die Weiterfahrt geben. Ein neues Nummernschild könnte nur von der zuständigen Kfz – Zulassungsbehörde in Berlin vergeben werden. Mir wurde auch noch eine Telefonnummer in Marokko genannt, falls Übersetzungsschwierigkeiten auftauchen würden. Das ich Übersetzungsschwierigkeiten bekommen würde, davon ging ich aus, aber zum Glück hatte ich Khalid dabei.

Was wir mit der königlichen Polizei Marokkos erlebten, war unglaublich, wir wurden von einer Station zur Nächsten geschickt. Khalid wurde zunehmend sauer, er spuckte voller Verachtung, während der Fahrt aus dem Fenster und erklärte mir, dass das auch ein Grund war warum er Marokko nicht mag. [Anmerkung: In drei Monaten wird Khalid nach Belgien auswandern, seine Frau lebt schon dort. In drei Monaten bekommt er sein Visum.]

Khalid kennt halb Oudja so schien mir, ständig winkt er aus dem Fenster und grüßt Leute die seine Grüße erwidern. Zum Glück trafen wir auf unserer Odyssee auch einen ranghohen Polizeibeamten, den Khalid kannte. Khalid sprang aus seinem Taxi und redete mit ihm, der telefonierte und nach einem Besuch auf der Polizeipräfektur bekamen wir auf der nächste Polizeistation die nötigen Papiere ausgehändigt. Mir war allerdings nicht klar warum man auch die Namen meiner Eltern dazu brauchte, ich wurde auch gefragt, wo ich das Nummernschild verloren hatte. Hätte ich diese Frage beantworten können, wäre ich nicht da. Aber ich war froh und erleichtert und war, etwas später, verwundert, als wir vor einem Schilderladen hielten und wir, mit eine Polizeibeamten den Khalid auf dem Weg auf gegabelt hatte und der von mir anschließend 50 Dirham bekam, in den Laden eintraten und nach kurzer Zeit machte sich der Schildermacher an die Arbeit. Am nächsten Tag hatte ich ein neues Nummernschild. Allerdings hatte ich statt B NK 5390 nun BN K 5390. Hinten kam trigger aus Berlin und vorne aus Bonn. Nun ja, ich hatte ja das doppelt gestempelte, mit Unterschrift beglaubigte und für 20 Dirham bezahlte Dokument in meinem Besitz. Trigger war längst repariert und für 400 Dirham konnte ich wieder seinen laufenden Motor in meinen Ohren vernehmen. Anschließend wurde noch für 200 Dirham ein Ölwechsel samt Filterwechsel vorgenommen.

Während der ganzen Aktion hatte ich so gut wie nichts mitbekommen, englisch verstand hier keiner der anwesenden Polizeibeamten. Ich musste mir hin und wieder ins Bewusstsein rufen das es um mich und mein Auto ging. Khalid führte die ganzen Verhandlungen und Gespräche. Es wurde fast ausschließlich arabisch geredet, ich kam mir wie ein Zaungast vor. Einmal wendete sich ein Kommissar an mich, er hielt mich offensichtlich für einen Engländer, und sagte zu mir: „Moroccan police not Scotland yard, yü knü“. Ich macht ihm klar, dass ich aus Deutschland komme, er erwiderte darauf: „Heil Hitler“. Ich wurde unbeschreiblich wütend und Khalid hielt mich mit den Worten: „Be quiet, my friend“ zurück. Ich war wirklich entsetzt, dieser Kommissar war ein richtiger Idiot! Nachher wurde mir selber klar, dass man bei der marokkanischen Polizei am besten so wenig wie möglich sagt. Für seine, eigentlich unbezahlbare, Hilfe fragte ich Khalid wie viel ich ihm geben könne. Verlegen schaute er mich an und sagte zu mir: „we are friends“. Ich gab ihm 400 Dirham, befürchtet ihm zu wenig zu geben und war bereit ihm mehr zu geben. Seine Augen leuchteten und er bedankte sich überschwänglich bei mir. Ich war im so unendlich dankbar! Dieser Mensch hat für immer einen Platz in meinem Herzen. Ohne seine Hilfe … (hier fehlen mir die Worte).

15.11.2012 – Marokko – Oujda – 20°

Am 15ten checkte ich im Hotel Ibis aus. Ich musste noch nicht einmal meine Telefonrechnung bezahlen. Ich wäre vielleicht noch länger geblieben, aber die ungeklärte Bezahlung war doch ein Grund für mich umzuziehen. Ich traf mich mit Khalid, er kam ohne sein Taxi, er hatte heute frei. In Marokko ist heute Neujahr, hier begeht man das Jahr 1434.

Da Khalid automatisch auf die Fahrertür zuging schmiss ich ihm den Autoschlüssel zu und er fuhr trigger sicher durch die Straßen von Oujda zu einem Hotel. Das Hotel hieß Oran (benannt nach einer Stadt in Algerien), ich checkte erst einmal für eine Nacht für 150 Dirham ein und wusste schon in der Nacht, dass mich das Hotel keine weitere Nacht erleben wird. Fünf vor 12 checkte ich wieder aus, sonst hätte ich eine weitere Übernachtung bezahlen müsste. Khalid war wieder zur Stelle und ich lud ihn zu einem ausgiebigen Frühstückt ein. Für 25 Dirham aßen und tranken wir in seinem Lieblingsrestaurant die Köstlichkeiten des Orients. Mich erstaunte, dass sich in der Kanne heiße Milch befand und in einer kleinen Karaffe der Kaffee dazu gereicht wird, so kann man sich seine individuelle Mischung mischen.

Nach diesem ausgiebigen Mal fuhren wir zum Hotel Aswan (benannt nach einer Stadt in Algerien!). Hier bekam ich für nur 100 Dirham pro Tag ein wunderbares Zimmer. Die Belegschaft ist freundlich und zuvorkommend. Der Koch nahm mich direkt in seine Küche mit, zeigt mir den gemütlichen Speiseraum und drückte mir, voller Stolz, die reichhaltige Speisekarte in die Hand. Mein Blick darauf überzeugte mich, dass ich hier öfters meinen Platz finden werde. Die Preise sind sehr niedrig und hinter einer Theke werden alle Zutaten sichtbar, frisch und sauber aufbewahrt. Oudja ist keine Touristenstadt und deswegen sind vermutlich auch die Preise (wohl bemerkt: für Europäer) so niedrig.

Nachdem ich alle meine Sachen im Zimmer verstaut hatte, lud mich Khalid ein, die Kasbah von Oujda zu besuchen. Hinter alten Mauern verbirgt sich der historische Kern der Stadt und ein großer Markt. Anders als der große Markt in Qued Laou ist hier alles wesentlich übersichtlicher. Den riesigen Gewürzbergen konnte ich nicht widerstehen und ich kaufte einige Kilo ein. Ich weiß nicht mal genau was, ich deutete auf einige Gewürze die gut aussahen und rochen und der Verkäufer ging mir freudestrahlend hinterher und füllte nach seinem Ermessen die Tüten. Am Ende bezahlte ich 90 Dirham für einen großen Beutel befüllt mit angenehm riechendem Inhalt. Wir wurden zum Tee eingeladen und ein Freund von Khalid (Khalid kennt hier fast jeder, so scheint mir), ging mit uns anschließend in ein großes Haus mit Dachterrasse, dort bot sich ein wunderbarer Ausblick auf Oujda. Die Stadt war weit größer, als ich bis dahin angenommen hatte. Ich fragte nach der Einwohnerzahl und bekam als Antwort: so um die eine Million! [Anmerkung: Oujda hat etwa 430.000 Einwohner]

Am Abend gingen wir gemeinsam essen und kehrten anschließend ins Hotel zurück. Wir saßen noch etwas mit dem Mann an der Rezeption zusammen und tranken Kaffee. Währenddessen kam mir ein ungelöstes Problem wieder in den Sinn: Algerien. Durch die Turbolenzen der vergangenen Tage war es mir fast völlig entfallen. Die Anzeichen waren alles andere als positiv. Doch darum wollte ich mich am nächsten Tag kümmern. Khalid sagte mir, dass er sich umhören wird und wir verabredeten uns für 12 Uhr am nächsten Tag.

7. Reisenotiz

18.11.2012 – Marokko – Oujda

Die letzten beiden Tage begannen mit immer dem gleichen Ritual. Khalid holte mich ab, wir fuhren mit trigger zu seinem Stammrestaurant und ich futterte mich durch die Frühstückskarte. Danach setzt sich Khalid an das Steuer und zeigt mir die Stadt. Häufig hielten wir an und besichtigen die Gegend. Khalid wusste, dass ich mich nicht sonderlich für Sehenswürdigkeiten interessierte und so führte er mich auch an Orte die Touristen nicht so oft zu Gesicht bekommen. Währenddessen begrüßte Khalid ständig Freunde und Bekannte, ich wurde in das Begrüßungsritual auch meistens einbezogen, anschließend bekam ich nicht mehr viel mit und lausche der Rhythmik der Sprache. Immer wenn mein Stichwort „Allman“ fiel, drehte ich meine Augen auf „bin anwesend“, schob meine Mundwinkel nach oben und nicke. Beim Verabschieden gab man sich die Hand, berührte danach sein Herz und verbeugte sich dabei leicht. Das finde ich sehr angenehm, eine wunderbare Art Freundlichkeit auszudrücken. Während unserer Tour redeten wir über Allah und die Welt, häufig löcherte ich Khalid mit Fragen über Marokko und das Leben in diesem Land. Ähnlich wie bei Mohamed versuchte ich nicht zu nerven. Die Antworten von Mohamed und Khalid waren oft deckungsgleich.

In Marokko geht vieles nur über Beziehungen und Korruption. Die soziale Absicherung in Marokko ist sehr schlecht. Für manche Menschen bleibt nur der Straßenrand und die bettelnde Hand. Diesen Anblick sieht man hier ständig. Vor meinem Hotel sitzt die ganze Nacht über ein Mann der die Autos der Hotelgäste bewacht und nebenbei versucht er jedem Gast möglichst schnell einen der raren freien Parkplätze zu besorgen, dafür verlangt er gerade einmal 10 Dirham pro Auto. [Anmerkung: Diesen Mann nicht verwechseln mit dem selbsternannten „Guardian“ von Qued Laou]

In Marokko leben schätzungsweise 20% der Menschen in Wohlstand und 80% müssen tagtäglich für/ um ihr Überleben arbeiten bzw. kämpfen. Wenn Khalid einen Tag krank ist und nicht arbeiten kann bekommt er für diesen Tag auch kein Geld. Auch wenn der folgende Satz schon inflationär benutzt wurde, ich benutze ihn (etwas abgewandelt) trotzdem: Wir bemerken erst an anderen Orten unserer gemeinsamen Welt, wie gut es um uns in Deutschland bestellt ist!

Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass diese Umstände durch Kolonialisierung, Schaffung von Abhängigkeiten und andere Ursachen hervorgerufen wurden. Und zwar in erster Linie durch uns, durch Europa und die USA. Auf die Vermengung der Gründe in Bezug auf Japan, China und weiteren Beteiligten/ Verursachern mag ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen, da mir der nötige Sachverstand fehlt. Nur, ich fühle und erlebe es hier vor Ort, Tag für Tag.

Und jetzt zu Algerien und meiner Weiterfahrt.

25.11.2012 – Marokko – Oujda

Die Einreise nach Algerien konnte ausschließlich mit dem Flugzeug erfolgen, das hatte ich vor meiner Abreise anders in Erinnerung, hinzu kam, dass ein Visum nur unter gewissen Voraussetzungen erteilt wird, keine dieser Voraussetzungen erfüllte ich. Die meisten Informationen bekam ich vom auswärtigen Amt in Berlin, die deutsche Botschaft in Marokko konnte mir in keiner Weise weiterhelfen. Ferner wurde mir vor einer Fahrt durch Algerien abgeraten, ich wurde auf einige Gefahren für europäische Touristen hingewiesen, besonders wenn sie sich alleine durch das Land bewegen. Irgendwie hatte ich mittlerweile auch kaum noch Gefallen an dem Gedanken weiter durch Länder zu fahren, in denen ich große Schwierigkeiten hatte, mich verständlich zu machen, und war es nur um Brot und Milch einzukaufen; und Touristenzentren wollte ich nicht ansteuern, darin sah ich keinen Sinn. Weiter in Marokko zu verweilen hielt ich auch nicht für sinnstiftend, bislang hatte ich keinen einzigen Menschen getroffen, der sich auch nur ansatzweise mit Musik beschäftigte. Nirgendwo hatte ich Menschen gesehen, die gemeinsam musizierten. Konzerte finden hauptsächlich auf öffentlichen Plätzen und im Sommer statt. Auftrittsorte, Klubs, Diskotheken und so weiter, habe ich keine gesehen. Sicherlich gibt es hier Menschen die Musik machen, aber bislang haben sich unsere Wege noch nicht gekreuzt. Meine eigene musikalische „marokkanische Periode“ war bislang hingegen außergewöhnlich produktiv. Hauptsächlich in Qued Laou habe ich sehr viele „Skizzen“ und viele fast fertige Stücke aufgenommen. Hier in Oujda bin ich zu sehr mit der Stadt beschäftigt und komme daher seltener dazu musikalisch Aktiv zu sein. Außerdem hat mich eine handelsübliche Influenza für drei Tage ausgeschaltet. Am Abend zuvor fror ich im ganzen Körper und am nächsten Morgen fühlte sich mein Kopf wie ein riesiger Medizinball an, meine Nase lief als wäre sie die Quelle des Rheins und ich hatte starken Husten. Als Khalid mich sah rief er gleich den Sohn seines Bruders an, der Arzt ist und dieser stellte nach einer kurzen Diagnose fest: „Influenza“.

Er stellte ein Rezept aus und Khalid besorgte die nötigen Medikamente für mich. Nach einiger Zeit stellte sich Besserung ein, aber ich brauchte noch zwei Tage um halbwegs auf beiden Beinen zu stehen. Diese Zeit verbrachte ich mit schlafen, Hustensaft trinken, Pillen schlucken, Dämmerzustand und anstrengenden Träumen. Zwischendurch trank ich viel Wasser und nahm Fladenbrot, Pistazien, Daddeln und Joghurt zu mir.

Auf dem Weg zur Besserung versuchte ich einen Plan auszuarbeiten. Mein bisheriger Plan, das stellte ich nüchtern fest, war fehlgeschlagen, zumindest was die Reiseroute betraf!

Die Hürde: überhaupt loszufahren und nicht innerhalb kurzer Zeit zurückzukehren hatte ich genommen. Mein sekundäres Ziel, falls man das alles überhaupt so einteilen sollte, ich bleib mal kurz dabei, also, mein sekundäres Ziel: Land und Leute kennen zu lernen, meine Sinne neues erleben zu lassen und das Land vom Morgen und nicht nur, wie bislang, vom Abend aus zu betrachten, war mir teilweise auch gelungen. Aber mein Primäres Ziel, mit den Menschen in künstlerischen Austausch zu treten, war mir in keinster Weise geglückt! Ich befand mich nun seit knapp sieben Wochen im sogenannten „Morgenland“ und vor mir lag Algerien wie ein Klotz auf meinem weiterem geplanten Weg. Algerien zu umfahren war unmöglich für mich und trigger, tausende Kilometer durch die Sahara war keine Option. Ich schaute mir die Fährverbindungen an, Marokko ist mit Autofähren nur mit Spanien, Frankreich und Italien verbunden und eine Fahrt von Marokko nach Italien kostet (mit Auto) um die 800 € und dann muss man ja noch nach Tunesien. Das war mir zu umständlich und zu teuer. Als nächste Alternative zog ich in Betracht wieder nach Berlin zurückzukehren, in meiner Wohnung bei meinem derzeitigen Mitbewohner um „Asyl“ zu bitten und mit einem Flieger nach Kairo, Beirut, oder Istanbul zu reisen. In allen drei Städten könnte ich mich sicherlich auf englisch besser verständigen als in Marokko – in Istanbul verstehen einige auch deutsch. Seit ich „Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul“ von Fatih Akim gesehen hatte (Danke, Verena! Ganz großes Geschenk!) wusste ich um die interessante musikalische Entwicklung in dieser Stadt. Was mich an Kairo interessiert kann ich gar nicht richtig benennen, zumindest ist es die wärmste aller in Frage kommenden Städte, was für die Wintermonate nicht zu unterschätzen ist. Aber am meisten reizt mich Beirut im Libanon, dort gibt es seit ungefähr 12 Jahren eine elektronische Szene, die außerordentlich experimentierfreudig ist, des Öfteren in Richtung Noise tendiert und sehr aufgeschlossen ist. Allerdings lebt diese Musik in einem ganz anderen Umfeld als vergleichbare Musik in Deutschland. Auch der Kontext ist ein völlig anderer. Ich könnte dort komplett fehl besetzt sein, falls überhaupt ein Kontakt zu Stande kommen würde… übrigens: Das auswärtige Amt rät von einem Besuch Beiruts zum gegenwärtigen Zeitpunkt dringend ab.

Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen Oujda verlassen und auf der Autobahn A2 (Autoroute des Villes Impériales Autoroute de l´Orientale – so gewaltige Namen haben wir nicht für unsere Autobahnen) Richtung Fès fahren. Von dort könnte ich weiter bis Rabat und auf der A1 (Autoroute du Nord) bis nach Tanger fahren. Dann durch Spanien, anschließend, entweder an Lyon oder Paris vorbei, über Kassel nach Berlin. Soweit mein heutiger Plan, vielleicht habe ich morgen einen ganz anderen. Auf der gesamten Strecke können noch so viele Überraschungen passieren, dass ich neue Entscheidungen treffen werde, oder muss.

Bislang verläuft mein, ich nenne es mal tollkühn, Urlaub spannender als jeder zuvor. Ich war noch nie solange alleine unterwegs. Manchmal fehlt mir ein Gesprächspartner, aber alleine fühle ich mich ungebundener, macht mich entscheidungsoffener. Jeder Tag verläuft anders als der voran gegangene. Die Influenza, die mich kurz schachmatt gesetzt hat, habe ich mir bei Kahlid eingefangen, er hat die ganze Zeit gehüstelt und war verschnupft, aber das ich so darnieder lag, war sicherlich auch Ausdruck meines Seins für eine kurze Atempause. Ich merke, dass sich langsam meine Energie auflädt und ich weiter meines Weges gehen, bzw. fahren kann.

8. Reisenotiz

22.12.2012 – Ägypten – Hurghada – 21°

Ich weiß im Moment gar nicht so genau wie ich anfangen soll. Es ist eine Menge passiert. Vielleicht in Stichworten die letzten Ereignisse: Von Oujda durch halb Marokko nach Tanger, Fähre, durch Spanien, Verlust von Geld, Mobiltelefon und Fotokamera durch Diebstahl, durch Frankreich, durch Schneetreiben nach Kassel, anschließend nach Berlin. Dann: Trennung von trigger, das ging mir richtig nahe, ich hätte nie gedacht, dass ich mich in ein liebes Ding mit vier Rädern derart vergucken konnte. Jedenfalls war ich raus aus dem Schnee, rein in den Flieger und in Hurghada gegen Montagmittag gelandet.

Nach den Anmeldeformalitäten ging ich mit meinem Gepäck in Richtung Ausgang und wurde noch vor der Ausgangstür von einem jungen Mann begrüßt und schwuppdiwupp saß ich in einem schwarzem Taxi und wurde zu einem „angeblich“ billigem Hotel gefahren. Schon während der Fahrt in diesem Taxi, das man eher in London vermutete, als in Hurghada, fühlte ich mich etwas deplatziert. Der Taxifahrer hielt vor einem Hotel, dass zu mir passte wie Hustensaft zu Leberkäse, oder so irgendwie. Ich sagte dem Fahrer erneut, das ich ein billiges Hotel suche und nicht einen Tempel. Aber der Taxifahrer erklärte mir, dass das das (huch) billigste Hotel in der Stadt sei. Auf Alternativvorschläge meinerseits ließ er sich nicht mehr ein, er wurzelte hier anscheinend, oder mit anderen Worten, er stand anscheinend im Dienste des Hotels. Nun gut, ich gab nach, marschierte in die Lobby, so nennt man das wohl und wurde herzlichst begrüßt. Auf deutsch wurden mir die Annehmlichkeiten des Sea Garden Hotels überschwänglich erklärt. Ich bekam anscheinend Frühstück bis zum Abwinken, Pool, TV auf deutsch (ZDF und RTL), Aircondition, ich erhielt sogar eine „Towelcard“ (Handtuchkarte), damit würde mir Wahlweise ein Platz am Pool oder am Strand reserviert. Für „nur“ 50 € die Nacht war das alles meines. Ich besichtigte das Zimmer, tipptopp, und checkte für eine Nacht ein.

Am Nachmittag brach ich zu einem Spaziergang durch die Stadt auf. Nach dem ganzen hin und her wollte ich endlich meinen Nerven etwas Ruhe gönnen und nebenbei nach einer bezahlbaren Wohnstätte Ausschau halten. Es war auch wunderbar, ich konnte mich fast überall auf englisch verständigen, merkte recht schnell mit wem ich mich unterhalten konnte und wen man besser stehen ließ. Das ganze Viertel um das Hotel ist auf Tourismus getrimmt und so ging ich durch kleine Straßen und Gassen in eine Gegend, wo man mich nicht nur durch die Eurobrille anschaute. Ich konnte meine Erfahrungen, die ich in Marokko gesammelte hatte, nutzen. Ein bisschen Ähnlichkeit zwischen der marokkanischen und der ägyptischen Mentalität lies sich durchaus feststellen. Ich traf auf Abdullah, einen Parfümhersteller, aber nach einem leckeren Tee verabschiedete ich mich mit freundlichen aber bestimmenden Worten und zog weiter meines Weges. Irgendwas passte da nicht, ich wurde skeptisch und vertraute meinem Gefühl.

Am Abend traf ich auf Ahmed einen studierten Physiker und Mathematiker, er arbeitet als Lehrer und ist nebenbei auch Mitinhaber eines Geschäftes für dies und das. Wir unterhielten uns am Anfang auf deutsch und wechselten, als es etwas schwieriger wurde, zu Englisch über. Bei Tee unterhielten wir uns, während er ab und zu an seiner Wasserpfeife zog, über Ägypten, Deutschland, die Symbolik der altägyptischen Kultur wie zum Beispiel den Schlüssel des Lebens (sieht aus wie ein Kreuz mit einem Kreis drauf und hat mit dem Nil zu tun), Hathor die Königin des Friedens, die Bedeutung des Skarabäus als Glücksbringer und vieles mehr. Die Unterhaltung war sehr anregend. Nebenbei lernte ich seine engen Freunde Ramadan und Mohammed kennen und wurde irgendwie in die engere Runde der Taxifahrer von Hurghada aufgenommen (den orangen, die nichts mit den schwarzen am Hut haben, wie mir versichert wurde). Als ich das Gespräch auf mein Übernachtungsproblem lenkte, wurden einige Telefonate getätigt und am nächsten Tag holte mich ein oranges Taxi vom Hotel ab und fuhr mich zu einer Wohnung. Ich zog von dem touristischem Viertel in das ägyptische Viertel Hurghadas um. Ich wohne jetzt in einer Wohnung mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, einer Küche und Bad und bezahle ca.15 € am Tag. An den Decken hängen Ventilatoren und Aircondition hab ich auch. In der Nachbarschaft befinden sich Läden für den täglichen Bedarf. Ich war an einem angenehmen Ort angekommen.

An den folgenden Tagen wurde ich zu allerlei Ereignissen mitgeschleppt. Ich war auf einer ägyptischen Hochzeit und fuhr anschließend zu siebt in einem, natürlich, orangen Taxi in einem wild hupenden Autokorso durch Hurghada. Ich hatte eine etwas eingeschränkte Sicht während der Fahrt. Ahmed nahm mich auch mit ins Krankenhaus um einen verunglückten Freund zu besuchen, wir stiegen auf einen Berg um Hurghada überblicken zu können, wir gingen durch die Armenviertel, fuhren nach Safaga, spazierten am Strand des roten Meeres entlang, waren beim Barbier um unsere Bärte zu stutzen, aßen in Restaurants die, natürlich, nur für orange Taxifahrer vorbehalten sind, leckere Speisen und ich half einem Arzt eine ältere Dame zu behandeln, wie, das kann ich hier nicht schreiben, aber es war richtig und der alten Dame geht es jetzt besser. Das und noch so einiges mehr habe ich bislang erlebt, ich habe sogar den Weltuntergang am 21ten verpasst.

Obwohl ich das alles sehr genieße, würde ich auch mal gerne faul im Bett liegen bleiben, in einem Internetcafé diese Reisenotiz versenden und möglichst wenig tun, vielleicht am Abend etwas Musik aufnehmen. Aber für die nächsten Tage steht Luxor auf dem Programm, ich bin da und dort zum Essen eingeladen und es wird darüber nachgedacht mich nach Kairo in einem, natürlich, orangen Taxi zu fahren. Und das alles bei 21°!

Ägypten ist ein tolles Land.

Liebe Grüße an alle Überlebenden!

9. Reisenotiz

30.12.2012 – Ägypten – Alexandria – 20°

Langsam wurde ich Hurghada überdrüssig, der Stadt fehlte jegliches Flair. Die Stadt wurde Anfang der 80er aus dem Nichts aufgebaut und wurde total auf Tourismus ausgerichtet. Irgendwie ist man anscheinend nicht richtig fertig geworden und besonders das ägyptische Viertel macht einen überaus verbrauchten Eindruck. Durch das Ausbleiben der Touristenströme aufgrund der politischen Umstände im Land ist die Stimmung in der Stadt bei den Ägyptern stellenweise auf dem Nullpunkt. Oftmals wird man mit „Welcome in Alaska“ begrüßt. Kairo ist so weit weg!

Eines Abends wurde ich in eine Nachtbar mitgeschleppt, in der Bauchtanz aufgeführt wurde, ich hatte absolut keine Lust, da ich mir vorstellen konnte, dass mich das nicht interessiert, außerdem wollte ich endlich mal einen Abend für mich alleine haben. Ich wurde aber den ganzen Tag derart von Ahmed und Ramadan bearbeitet, dass ich irgendwann aufgab. Ich wusste ja, dass sie es nur gut meinten. Um 0:30 Uhr öffnete die Bar ihre Türen und schon beim Eintreten bereute ich, dass ich nicht standhaft bei meinem nein geblieben war. Die Musik war viel zu laut, der Sound war miserabel und der Halleffekt auf den Stimmen der beiden Sänger war auf Maximum. Nach der ersten Tänzerin kam eine zweite hinzu und dann noch eine dritte. Die Tänzerinnen sahen zwar aus wie Bauchtänzerinnen aber mit Bauchtanz hatte ihr Tanz wenig zu tun. Da hatte ich von Türken in Berlin schon besseres gesehen. Es war reiner Animiertanz und die Ägypter flippten völlig aus und warfen mit Fünfpfundscheinen nur so um sich. Ich knipste ein paar Fotos und sehnte das Ende herbei.

Am nächsten Tag beschloss ich nach Luxor zu fahren. Ahmed bot sich mir als Führer an und lud mich ein seine Familie zu besuchen. Sie wohnt in einem Hof in der Nähe von Qina direkt auf dem Weg nach Luxor. Am Abend musste ich noch eine Abschiedstour über mich ergehen lassen, na ja, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich wurde mit viel Freundlichkeit aufgenommen und, da man sich vielleicht nie wieder sieht, wollte sich jeder verabschieden. Es waren reichlich sentimentale Momente dabei, allen voran Mohammed der Taxifahrer, der mich mit vielen seiner Kollegen bekannt gemacht hatte mit ihren orangen Taxis [Anmerkung: Die Taxis sind eigentlich orange und blau, aber das orange sticht so hervor das es für mich nur orange Taxis waren], Mohammed war die Freundlichkeit in Person und, obwohl er nicht viel englisch konnte, verstanden wir uns immer auf eine ganz besondere Art.

Kurz vor Drei war ich zurück in meiner Wohnung und fing mit packen an, eigentlich wollte ich schon längst schlafen, immerhin hatte sich Ahmed für den frühen Morgen angekündigt um den Sonnenaufgang in der Wüste zu erleben. Ich war noch nicht ganz mit packen fertig da stand Ahmed samt Taxifahrer in der Tür. Der Rest meiner Sachen wurde zusammen geschmissen und schon saß ich im Taxi. Die Fahrt ging durch Wüste und Berge, meistens beides zusammen. Mein übernächtigtes Hirn befand sich in einem Roadmovie. Ich dachte an Thelma & Louise, From Dusk Till Dawn und bewunderte die Landschaft während die Sonne aufging. An einer verstaubten Raststätte machten wir Halt und Frühstückten ausgiebig, hier hielt keiner der Touristenbusse. Kurz vor Qina besichtigten wir einen Tempel, ich kam zum ersten Mal mit der Altägyptischen Kultur in Berührung, ich war zutiefst beeindruckt, wir konnten auch alles anfassen, niemand verbot es einem. Ich strich behutsam über in Stein gemeißelte Zeugnisse menschlicher Kultur von vor über tausenden von Jahren. Wir krochen auf Knien durch Katakomben und kletterten an die Spitze der Anlage. Es war wahrlich Ehrfurcht erregend.

Wir fuhren weiter durch Qina zu dem kleinen Dorf Qerleaya wo Ahmeds Familie wohnt. Ich wurde überschwänglich von seiner Familie begrüßt. Auch die Nachbarn kamen vorbei, die Kinder starrten mich mit großen Augen an, einen Deutschen sieht man hier anscheinend sehr selten. Ich wurde kurz darauf zu Boden gebeten, bei uns nennt man das zu Tisch, und vor mir wurde ein reichhaltiges Mal ausgebreitet. Der Fisch kam direkt aus dem Nil und hatte noch Kopf und Augen. Der Hof der Familie hatte zwar Elektrizität, aber kein fließendes Wasser, das wurde aus dem Boden neben dem Haus gepumpt. Allerdings konnte man das nur zum Waschen und für die Toilettenspülung verwenden. Trinkwasser wird in Kanistern herangeschleppt. Ahmeds Mutter kam ständig zu mir, strich mir über die Augen und umarmte mich danach herzlich. Sie redete pausenlos auf arabisch mit mir und ich machte ihr Komplimente auf deutsch.

Am Nachmittag musste ich mit, seine Schwester besuchen. Wir fuhren quer übers Land und ich pennte ständig ein und wurde durch jede Unebenheit der Straße wieder in die Realität zurück gerissen. Einige Zeit später erreichten wir einen winzigen Ort und parkten neben dem Hof seiner Schwester. Ein wildes Tohuwabohu entstand zwischen Begrüßung und der Verbreitung der Nachricht, das Ahmed da war und auch noch ein Allmani, also mich im Schlepptau. Ahmeds Schwester sah ich nur kurz, sie verschwand sofort in der Küche. Alle Männer des Ortes versammelten sich im Hof und es wurden sofort Wasserpfeifen angemacht und Tee gereicht. Frauen kamen keine, was ich sehr schade fand, aber auch vermutete, Treffen dieser Art sind den Männern vorbehalten. Es wurde nur arabisch geredet, Ahmed übersetzte sehr wenig und ich fühlte mich immer mehr wie im Zoo, allerdings war ich nicht der Besucher. Als Alkoholersatz diente Haschisch. [Eine Zigarette wird verkürzt und längs in ein Glas gedrückt, ein lang geklopftes Stück Haschisch wird in die Zigarette gedrückt und angezündet, anschließend das Glas abgedeckt].

Das Glas wanderte Reihum, man wartete kurz bis sich das Glas mit Rauch gefüllt hatte und sog ihn ein. Alle Männer taten das, nur ich nicht. Da ich auch die Wasserpfeife ablehnte wurde ich zunehmend belächelt und einige kicherten und flüsterten ihrem Nachbarn etwas ins Ohr. Das hätten sie gar nicht tun müssen, ich verstand ja sowieso nichts. Mir ging die Situation ziemlich auf die Nerven. Als man mir ein Bier anbot (wo auch immer das herkam?), nahm ich dankbar an. Von nun an musste ich nicht nur gegen die Langweile ankämpfen sondern auch noch gegen die wiederkehrende Müdigkeit. Tee und Bier wollten wieder raus und so fragte ich nach der Toilette. Die Männer beratschlagten sich kurz und einer nahm mich mit zur Bedürfnisanstalt des Ortes, hier hat keiner eine Toilette im Haus, und so trat ich ein in einen Raum der streng roch und konnte eine von fünf Toilette wählen. Jede sah gleich aus, Loch im Boden und Wasserschlauch daneben, jeder Baum wäre mir lieber gewesen, aber, nun ja. Zurück in der Runde hatte sich zumindest meine Müdigkeit verzogen. Vier Kinder rollten einen Teppich aus und breiteten darauf das Essen, das Ahmeds Schwester in der Zwischenzeit zubereitet hatte, aus. Zwei Männer kamen mit einem Krug und einer Schüssel, worin wir uns die Hände wuschen. Das Essen war sehr gut und ich ging in die Küche um mich bei Ahmeds Schwester zu bedanken, sie war das offenbar nicht gewohnt und schaute mich verlegen an, aber auch etwas dankbar für die Anerkennung ihrer Arbeit – ich hoffte das zumindest. Für alle anderen war das eine Selbstverständlichkeit. Zurück in der Runde ging das alte Spiel weiter, Ahmed erzählte von meinen „Angewohnheiten“ Müll nur in die dafür vorgesehenen Behältnisse zu werfen, selbst zu kochen und Wäsche zu waschen. Er warf mir Stichworte zu über was er gerade sprach und den Rest sah ich seiner Gestik an. Die anwesenden Männer schüttelten die Köpfe und offenbar machten sie sich über mich lustig. Ahmed meinte, das dass normal sei, ich solle mich nicht daran stören, eigentlich bewundert man die Deutschen. Für mich war jetzt allerdings Schluss mit lustig, ich machte Ahmed unmissverständlich klar, das mich dass alles ziemlich ankotzt. Obwohl der Rest der Anwesenden nicht meine Worte verstanden, haben sie wohl an meinem Tonfall gemerkt, dass mich etwas stört. Augenblicklich änderte sich die Stimmung und ich sah Erstaunen in den Gesichtern. Ahmed entschuldigte sich und sagte, dass das doch alles nur Spaß sei. Ich sagte zu Ahmed, dass ich Spaß sehr zu schätzen weiß, aber, nur auf meine Kosten, fand ich, ging zu weit. Ahmed verhielt sich hier ganz anders als in Hurghada. Er benahm sich wie ein Pascha aus der „großen“ Stadt. Zum Abschluss wurde ich noch freundlichst umarmt, ich spielte mit, aber einiges war für mich falsch gelaufen. Auf der Rückfahrt schaute ich mir meine Begrüßungsgeschenke an (In Ägypten ist es Brauch einem Besucher ein Geschenk zu überreichen), ich hatte zwei Packungen Zigaretten Marke Cleopatra, fünf Schokoriegel, eine Packung Chips und eine Dose Pfirsichsaft in meiner Tasche. Die Leute waren eigentlich sehr nett, hätte Ahmed sich anders verhalten, wäre das vielleicht sogar ein netter Nachmittag gewesen.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit Ahmeds Bruder Ali zum Bahnhof nach Nag Hammadi und ich kaufte mir eine Fahrkarte nach Alexandria für 12,50 € erster Klasse. Die eigentlich geplante Reise nach Luxor hatte ich verworfen und ich wollte nur noch weg. Ich weiß nicht, was mich getrieben hat, aber ich wusste, das dass die richtige Entscheidung war. Vielleicht habe ich etwas Unverständnis hinterlassen, aber mein Gefühl war stärker. In Ahmed hatte ich mich getäuscht, er war schon die letzten Tage sehr seltsam. Er legte ab und an fast einen Befehlston an den Tag, da ich partout nicht das tat was er sagte, da ich mich nicht herumkommandieren lies, machte ihn etwas ungehalten und unsicher mir gegenüber. Es gab viele Diskussionen. Die billige Wohnung, seine anfängliche Hilfsbereitschaft und das Zusammentreffen mit den Taxifahrern (die ich weiterhin in guter Erinnerung behalten werde) machten ihn mir anfänglich sympathisch.

Als ich den Zug nach Alexandria bestieg und in meinen Sessel Platz nahm, machte ich einen Schlussstrich unter dieses Kapitel.

10. Reisenotiz

10.01.2013 – Ägypten – Alexandria – 15°

Am 29.12. saß ich nun im Zug der ägyptischen Eisenbahn nach Alexandria in der ersten Klasse. Ich hatte es schon vorher gehört und am Bahnhof noch einmal bestätigt bekommen – eine Fahrt in der zweiten Klasse bedeutet für längere Strecken eine Tortour. Vor mir lagen ungefähr 800 Kilometer. Um 14 Uhr ging es los, dem Niltal entlang in Richtung Norden. Der Sitz war sehr bequem, breite Armlehnen, verstellbar und viel Beinfreiheit. Besser als in der zweiten Klasse im ICE. Nur die Fahrt war relativ langsam, obwohl ein richtiges Monster von Lokomotive vorne dran hing. Ich schaute aus dem Fenster, döste und strich mir ab und zu ein Brot – ich war bester Laune. Gegen Abend lernte ich Safi und Ahmed kennen, sie kamen aus Nag Hammadi und wollten in Alexandria Urlaub machen. Als wir nach 12 Stunden Fahrt in Alexandria ankamen, führten sie mich zu einem nahegelegenem Hotel, gaben mir ihre Telefonnummern und verabschiedeten sich, sie selbst wurden von Freunden erwartet. Sie hatten zuvor an der Rezeption des Hotels noch etwas mit dem Hotelchef beredet. Ich glaube, es ging um den Preis. Ich bekam jedenfalls ein Zimmer im 10. Stock für 150 LE (ca. 19 €) pro Nacht inklusive Frühstück. Das Zimmer hatte nach zwei Seiten große Fenster, ein schönes Bad, einen großen Kühlschrank und zwei wunderbar weiche Betten. Am nächsten Morgen schaute ich aus den Fenstern und konnte das Mittelmeer sehen, es war sehr nahe. Gegenüber wohnten vier Ziegen auf dem Dach, sozusagen im sechsten Stock, die armen Viecher. Es war strahlend blauer Himmel, 20° C, ich hatte eine herrliche Aussicht und fühlte mich angenehm wohl im Al Madina Al Monawara Hotel. Per Haustelefon bestellte ich Frühstück aufs Zimmer (das war hier so üblich) und bekam Omelett, Schafskäse, Butter, Fladenbrot, eingelegte Bohnen, Erdbeermarmelade, Kaffee, Orangensaft und ein paar Gurken- und Zitronenscheiben. Gegen Mittag ging ich ein paar Minuten die Straße rauf und stand erneut vor dem Mittelmeer, diesmal zwei Stunden weiter östlich als in Marokko. Ich setzte mich ans Ufer und musste an Mohamed und Khalid denken. Meine Gedanken trugen mich auch zu trigger, meinen treuen Gefährten. Obwohl manche Strecke anstrengend zu fahren war und ich einige Probleme hatte, so war ich doch relativ ungebunden und hatte darüber hinaus auch noch eine Küche (Kochgeschirr mit allem drum und dran) und eine kleines Tonstudio an Bord. Hier in Ägypten hatte ich keine Küche mehr und mein Tonstudio hatte sich auf Laptop, Interface und kleinen Kaossilator reduziert. Den Straßenverkehr, der mich anfänglich in Angst und Schrecken versetzt hatte, lernte ich mit Khalids Hilfe einzuschätzen, ich hatte viel von ihm in Oujda gelernt und wurde zunehmend ein recht passabler Fahrer in den Straßen der Städte Marokkos – es war eine Frage der Anpassung, mir gefiel es stellenweise sogar. Die Rückfahrt von Qujda nach Tanger über Fés und Rabat machte ich sozusagen mit links! Der Straßenverkehr in Hurghada war verglichen mit den Städten Marokkos eher niedlich, hier fuhr zwar auch jeder kreuz und quer, ich fühlte mich selbst bei Motorradfahrten unaufgeregt, beinahe entspannt. Selbst in Alexandria mit über 4,3 Millionen Einwohnern und wesentlich höherem Verkehrschaos fiel es mir nicht sonderlich schwer eine stark befahrene sechsspurige Straße, ohne Zebrastreifen und Ampel, zu überqueren. Man muss nur einmal das System kapiert haben, anscheinend hatte ich es verstanden. Hoffentlich werde ich nicht in den nächsten Tagen angefahren und führe meine vorangegangenen Sätze ad absurdum – obwohl, hier ist kaum ein Auto ohne Schramme und/ oder Beule.

Zurück zu Alexandria. Die folgenden Tage genoss ich meine Einsamkeit, bis zum Eintreffen des Frühstücks machte ich Gymnastik vor offenem Fenster und spazierte anschließend durch die Stadt. Anfänglich ohne Stadtplan, bis ich entdeckte, dass mein iPad, auch ohne Sim-Karte, meinen Standort per GPS lokalisierte (ich war ein blauer Punkt in Alexandria). Jedoch nahm ich mein iPad selten mit. Selbst wenn man glaubt, sich verlaufen zu haben genügt ein Blick zur Sonne. Alexandria wird durch das Mittelmeer im Norden begrenzt. Folgt man dem Kinderreim: „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen wird sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn“ und fügt die Uhrzeit hinzu kennt man die Richtung. Man muss also nur nach Norden gehen bis zur Küste und dann entweder nach Osten oder Westen. Hat bislang wunderbar geklappt.

Silvester habe ich im Hotel verbracht, der Ausblick war einfach zu verlockend. Es gab keine große Knallerei vorher, wie in Berlin. Erst gegen 23 Uhr stiegen die ersten Raketen auf und Feuerwerkskörper knallten. Gegen 0 Uhr ging es dann richtig los, ich drehte mich nach NNW und prostete euch allen zu. Ich machte den Fernseher an und sah, auf einem arabischem Sender der anscheinend den ganzen Tag die Silvesterfeierlichkeiten rund um die Welt überträgt, dass um 1 Uhr Kairoer Zeit, also um 0 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, das Brandenburger Tor gezeigt wurde mit dem ganzen Feuerwerk. Ich sah Berlin und war in Alexandria. Anschließend machte ich Musik.

In den folgenden Tagen hatte sich das Wetter gedreht, Sturm kam auf. Der Wind erschwerte den Weg zur Küste, man musste sich richtig gegen den Wind stemmen um vorwärts zu kommen. Alles flatterte an mir und ich musste mir den Schirm meiner Kappe über die Augen schieben um sie vor Staub- und Sandpartikeln zu schützen. Die Brandung tobte und ich fühlte mich fast wie an der Nordsee im Winter. Ein solches Gefühl hatte ich auch bei meiner Rückkehr ins Hotel und einem heißen Tee. Ein Gerät mit Heizstäben machte mein Zimmer warm. In der Nacht fiel das Thermometer auf 11° C. Nach drei Tagen „Jackenwetter“ wurde es wieder wärmer.

Alexandria ist nur noch ein Schatten ihrer strahlenden Vergangenheit, aber ich finde die Stadt sehr reizvoll. Möglicherweise muss man einen morbiden Geschmack, wie den meinen, haben um zu dieser Einstellung zu kommen. Aber alles in allem kam ich hier besser klar als in Hurghada. Ich glaube auch, dass es eine bessere Entscheidung war nach Alexandria zu reisen als nach Kairo. Momentan denke ich darüber nach, ob ich noch nach Beirut oder Istanbul fliegen, oder in Alexandria bleiben soll. Viel lässt meine Reisekasse nicht mehr zu, verschiedene Quartalszahlungen anfangs des Jahres haben ihr erheblich zugesetzt.

Meine Reise ist völlig anders verlaufen als geplant, aber das hat die Spannung nicht vermindert. Das Unerwartete hatte ich gesucht und auch angetroffen. Ich habe Ballast verloren und bin etwas entspannter geworden. Aber meine unbeabsichtigte Rückreise nach Berlin hat mir auch gezeigt das der Alltag sehr schnell wieder einkehrt. Zunehmend mache ich mir Gedanken über meine Zukunft nach meiner Rückkehr. Für die warmen Tage habe ich schon eine Möglichkeit gefunden. Es ist fast schon eine Entscheidung. Mal sehen ob es klappt. Gewürz-, oder Autohandel wird es eher nicht. Vielleicht mache ich auch 2013 in einem Leihauto eine Europatournee. Mir stehen viele Möglichkeiten offen, aber auch genau soviel, wenn nicht eher mehr, Unmöglichkeiten im Weg. Ich komme ins philosophieren. Im Moment denke ich nach über das Sein eines Klanges, das mag verschroben klingen, aber macht Spaß, finde ich.

13.01.2013 – Alexandria – 20°

Die Sonne strahlte und es war angenehm warm. Alexandria faszinierte mich zunehmend, diese Stadt war nicht besonders schön – es war diese seltsame Lebendigkeit. Man muss den deutschen Maßstab in der Hosentasche lassen. Arabische Uhren ticken anders. Ich sehe die Unterschiedlichkeiten der Kulturen, aber es fällt mir schwer bis unmöglich, sie in Worte zu fassen. Vielleicht schreibe ich darüber meine Dissertation und werde Doktor – Scherz!

Auf den vielen Märkten Alexandrias herrschte ein Duftinferno für meine Nase, neben angenehmen Düften roch es, gleich nebenan, derb unangenehm. Fische zappelten noch lebendig in Bottichen, lebende Hasen saßen, neben ihren enthäuteten Artgenossen im Kühlschrank, friedlich in kleinen, niedrig umgitterten, Gehegen. Auch andere Tiere gesellen sich zu ihren toten Artgenossen. So ist das hier, Tod und Leben, nah beieinander. Eine kleine Tochter eines Verkäufers spielte dazwischen.

Vieles wurde mir, mit vielen Worten, angepriesen. Aber ich hatte ja keine Möglichkeit der Zubereitung. Und dem Küchenchef meines Hotels einen Hasen, oder einen Fisch zu geben, damit er ihn für mich zubereitete, hielt ich für verfrüht.

Ich kaufte Birnen, Äpfel, Frühlingszwiebeln, Zitronen und vieles mehr für sehr wenig Geld. Frühstück bekam ich vom Hotel, mittags aß ich an der Straße irgendwas gebrutzeltes und Abends machte ich mir meistens im Hotel etwas leckeres, was ich zuvor auf dem Markt, oder in Läden gekauft hatte. Tagsüber wanderte ich durch die Stadt oder saß an der Uferpromenade und machte Notizen in mein kleines Buch, oder ich schaute aufs Mittelmeer und dachte nach. Manchmal kam ich ins träumen. Abends ging ich ab und zu durch mein Viertel und trank einen Tee. Ich las viel und machte Musik. Während der Tage führte ich manchmal kurze Gespräche, meistens setzten sich, auf der Uferpromenade, oder im Teehaus, Ägypter neben mich und fragten woher ich kam. Sobald ich mich als Deutscher zu erkennen gab, hörte ich oft erst einmal: „Mercedes, Bayern München, alles klar, Oliver Kahn, wie geht’s“, oder anderes Bekanntes. Aber keiner konnte das Wort toppen, das ein älterer Mann zu mir in Qujda sagte: „Kartoffelsalat“.

11. Reisenotiz

22.01.2013 – Libanon – Beirut – 18°

Eines Nachts träumte ich wie der Leuchtturm von Alexandria (eines der sieben antiken Weltwunder, heute stehen nur noch die Grundmauern) Beirut anleuchtete (völlig unmöglich, aber war ja ein Traum). Am nächsten Tag ging ich in ein Reisebüro und kaufte mir ein Flugticket nach Beirut, online konnte ich das nicht machen, da ich nirgends eine Möglichkeit fand meine Reisebestätigung auszudrucken. Vorher suchte ich noch das libanesische Konsulat auf, die Reiseverkäuferin war sich nicht sicher ob ich ein Visum am Flughafen in Beirut bekommen würde, da ich nur ein One-way Ticket wollte. Ich fuhr mit einem Taxi zum Konsulat, kam an der schwer bewachten spanischen Botschaft vorbei, stieg auf einer unbefestigten Nebenstraße aus und trat durch die offen stehende Tür direkt in das libanesische Konsulat ein. Eine Putzfrau begrüßte mich und ein paar Minuten später traf ich auf eine überaus höfliche Konsularangestellte, die mir in perfektem Englisch erläuterte das ich als Bürger der europäischen Union keinerlei Schwierigkeiten zu erwarten hätte. Mit einem netten: „You´re welcome“ wurde ich verabschiedet. Zwei Tage später fuhr ich mit einem Ticket für 1550 ägyptische Pfund in einem Taxi zum Flughafen Borg El Arab in der Nähe von Alexandria. Da ich noch genügend Zeit bis zu meinem Abflug hatte, recherchierte ich im Internet nach Angeboten und fand einige etwas billigere Flüge, die aber zwischen 6,5 und 11,5 Stunden für den Flug brauchten, da mindestens eine Zwischenlandung inklusive Umsteigen erledigt werden mussten. Ich hatte richtig Glück gehabt. Mein Flug dauerte eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten.

Während des Fluges dachte ich an meine Erlebnisse in Ägypten zurück. Ich wandelte, verkleidet von Mohammed und Ramadan, in einem edlem Galabea mit Umhang, Stirnreif und Kopftuch wie eine schlechte Kopie von Lawrence von Arabien durch Hurghada (allerdings nur wenige Meter). Saß gemeinsam mit Freunden am Tisch und aß dieselben Speisen und trank viel Tee und Kaffee. Erlebte ägyptische Kultur, alte und neue, zusammen mit Ägyptern. Ich wurde mit viel Herzlichkeit aufgenommen, hatte aber auch einige unangenehme Erlebnisse. Nicht zuletzt die Fahrt durch die bergige Wüste und die über 800 Kilometer lange Bahnfahrt am Nil entlang waren tolle Erfahrungen. Auch das kleine Erdbeben in Alexandria mag ich nicht missen.

Während des Fluges nach Beirut sah ich die Sonne untergehen und die Lichter von Beirut nähe kommen. Aus der Luft sah die Stadt bezaubernd aus und auch am Boden verlor sie nicht an Reiz. Am 17. Januar landete ich in Beirut und betrat zum ersten Mal Asien, ich war im Nahen Osten, oder wie die Engländer sagen: „middle east“. Aber immerhin war ich nach Afrika nun in Asien.

Schon beim Check-In in Borg El Arab kümmerte sich ein 11 jähriges Mädchen in einem neongrünem Galabea liebevoll um die Passagiere, so auch um mich und nach einem kurzen Blick auf mein Ticket wurde ich von ihr zu meinem Platz geleitet. Ihr Vater schaute dem Treiben seiner Tochter liebevoll zu und lies sie einfach tun. Sie sprach zwar (noch) nicht englisch, aber ich verstand, dass sie aus Beirut kam. Am Gepäckfließband kümmerte sie sich darum, dass alle ihre Gepäckstücke möglichst schnell bekamen. Unter Beifall wurde sie verabschiedet und sie bedankte sich mit einer filmreifen Verbeugung.

Kurze Zeit später bekam ich kostenlos mein Visum in meinen Reisepass gestempelt und trat aus dem Flughafengebäude. Nach einigen Verhandlungen saß ich in einem Taxi und fuhr zu einem Hotel. Ich wollte in den Stadtteil Achrafieh oder Hamra. In Hamra kam ich im Hotel Versaille unter. Das Hotel entsprach zwar nicht meinem Geldbeutel aber billiger kam ich hier erst mal nicht unter. Ich hatte ein Zimmer mit allem drum und dran, inklusive Wasserkocher, Mikrowelle und Balkon.

Schon bei meinem ersten abendlichen Spaziergang bemerkte ich, dass die Preise eher europäischen als afrikanischen Standard annahmen. Das fand ich nicht so toll, meiner Reisekasse wurde richtig schlecht. Beirut pulsierte, das sah ich schon am ersten Abend. Hier gab es Kneipen, Cafés, Imbisse und vieles mehr. Ich besuchte Konzerte und wanderte oft stundenlang durch die Straßen von Beirut. Zwischen 1975 und 1990 hatte hier ein fürchterlicher Bürgerkrieg gewütet. Die Wunden konnte man bei genauem Hinsehen noch erkennen, aber insgesamt befand ich mich in einer modernen Metropole. Anders als in Marokko und Ägypten konnte ich mich auf englisch mit sehr vielen Menschen unterhalten. Ich erlebte Beirut als eine sehr liberale und weltoffene Stadt, wenige Frauen waren verschleiert, einige trugen Kopftuch, doch die meisten wären, zum Beispiel, in Berlin nicht weiter aufgefallen, abgesehen von ihrem Teint und den voluminösen Haaren. Die Stadt war auch wesentlich aufgeräumter als die anderen Städte, und das meine ich auch im bildlichem Sinne, Mülleimer befanden sich in angemessenen Abständen und wurden auch benutzt. Ich möchte Marokko und Ägypten jetzt nicht abwerten, aber die Müllberge in den Straßen und Gehwegen haben mich doch ein wenig gestört. Und, wo ich schon mal bei stören bin, das ständige Gehupe in allen drei Ländern ging mir tierisch auf den Nerv.

Da ich mein Domizil wechseln werde und möglicherweise keinen Internetzugang mehr habe – möchte ich zum Abschluss noch schreiben, Beirut hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck in mir, ich könnte noch Seitenlang schreiben, aber ich werde mich hier erst einmal verabschieden. Bald werde ich wieder zurück in Berlin sein, meine Eindrücke und Erlebnisse verarbeiten. Meine Reise hat mich auf einen unerwarteten Weg geführt, nicht weniger und auch nicht mehr wollte ich!

12. Reisenotiz

10.02.2013 – Libanon – Beirut – 18°

In Beirut hätte ich gerne überwintert, aber leider war meine Reisekasse pleite. Drei Tage verbrachte ich im Nouveau Hotel du Liban im Stadtteil Achrafieh und wandelte durch die Monot und Gemmayzeh Street, hier wird einem das Nachtleben nur so um die Ohren gehauen. Ich lernte Fahdi und Linda kennen, er war Taxifahrer(!) und sie war Reiseverkäuferin. Sie zeigten mir Beirut wie es eine Stadtrundfahrt nie geschafft hätte. Wir fuhren nach Teleferique, in einer abenteuerlichen Gondelfahrt ging es über Häuser und Wälder auf einen hohen Berg, wo eingebettet von Moschee und Kirche „Our Lady of Lebanon“ steht. Eine meterhohe Marienstatue. Von hier hatte man einen wunderbaren Blick über Beirut. Wunderschöne Choräle schallten über den Ort. Hier konnte man Kerzen anzünden und Wünsche hinterlassen. Von einem wunderbaren Ort zum Nächsten erzählten sie mir einiges über sich und Beirut, nur den Bürgerkrieg klammerten sie ein wenig aus und ich fragte auch nicht weiter nach. Abends verabschiedete sich Fahdi, seine Kinder erwarteten von ihm eine „Gute Nacht“ Geschichte und ich zog mit Linda noch um die Häuser und so. Linda besorgte mir auch den billigsten Direktflug nach Berlin, dazu musste sie mit der Fluggesellschaft Germania telefonieren und ich hörte die schönste Buchstabierung meines Nachnamens: „sugar, charlie, honey, alpha, fox, easy, roger“. Auf meinem Ticket steht: Ankunft Berlin-Tegel am 11. Februar um 19:05 h.

Am 5. Februar checkte ich im Hotel Bliss ein, dass Fahdi mir vermittelt hatte. Ich bekam ein großes Zimmer im neunten Stock mit viel Schnickschnack und einem überwältigtem Blick auf das Mittelmeer. Ich fühlte mich richtig wohl, die Menschen waren meist freundlich und zuvorkommend, ich konnte mich gut verständigen und die Stadt besaß für mich eine Magie, die ich mit Worten nicht auszudrücken vermag. Obwohl der Februar der kälteste Monat im Libanon ist, kann man nachts viel erleben ohne zu frieren. Eine Jacke, oder Pullover genügten um sich wohlig zu fühlen. Dass ich am 11. Februar wieder zurück fliege, macht mich natürlich nicht glücklich, auf der anderen Seite, nach über vier Monaten, kann ich Berlin auch wieder vertragen. Allerdings werde ich sicherlich die Wärme vermissen.

Zu einem Treffen, oder gar einer Zusammenarbeit, mit libanesischen Musikerinnen und Musikern

ist es leider nicht gekommen. Nach einem Konzert fand ich nie die geeignete Gelegenheit zu einem Gespräch und online hatte ich ein wenig Pech. Schon von Alexandria aus schickte ich Yasmine Hamdan (Soapkills), Mazen Kerbaj und Sharif Sehnaoui eine E-Mail. Leider wurde mir von Yasmins Agentur mitgeteilt, dass sie sich gerade auf Promotiontour für ihr Soloalbum befand und Mazen und Sharif weilten gerade im Ausland um für das Irtijal Festival Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Aber, Beirut, besonders die Musikszene hat mich so fasziniert, dass ich mich für das Irtijal Festival bewerben werde und vielleicht kann ich ja auch einen Sender davon überzeugen eine Dokumentation darüber zu produzieren. Lohnen würde sich das allemal, denn das Irtijal Festival, das dieses Jahr zum 13ten mal stattfindet, ist das größte Festival für experimentelle Musik im arabischem Raum [„Irtijal’13“XIIIth International Festival of Experimental Music in Lebanon April 3 to 6  2013]

Kurzum, Beirut hat mich hoffentlich nicht zum letzten Mal gesehen.

Der Tag meiner Abreise rückt unerbittlich näher. Zurück in Berlin gibt es viel zu tun. Ich werde wieder in den Alltag geschleudert. Hoffentlich kann ich etwas Gelassenheit behalten, die ich mir auf meiner Reise angeeignet habe. Mit Linda und Fahdi werde ich noch einmal Essen gehen und den Abend genießen. Sie werden mich auch zum Flughafen bringen. Ich hatte unheimlich viel Glück, nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt zu haben, auch in schwierigen Situationen. Ohne sie hätte ich nie die Länder so erfahren, ich wäre Tourist gewesen, der kommt und geht. Ich durfte an ihrem Leben teilhaben. Ich bin dankbar und bereue keine Sekunde!

Bis gleich.

rein, Berlin, Februar 2013

Vielen Dank an Patrick Sommer der seinen lektorischen Blick über meine Reisenotizen schweifen ließ!

Musik bei http://www.soundcloud.com/oriental-tunes

men ain

bhebak aktar

bhebak aktar

oriental tunes

Projektbeschreibung:

oriental tunes

Von Gibraltar zum Bosporus (Europa – Afrika – Asien – Europa)

2008 fasste ich den Entschluss innerhalb von sechs Monaten von Gibraltar bis zum Bosporus zu reisen um die orientalische Kultur kennen zu lernen und den Islam näher zu begreifen. Meine Exkursion soll mich entlang der Küstenregion durch die Besiedlungsdichtesten Regionen führen. Ich möchte in interessanten Orten für mehrere Tage verweilen und versuchen mit den dort lebenden Menschen Kontakt aufzunehmen, sie näher kennen zu lernen und in Kulturellen Austausch zu treten. Da ich selbst seit über 34 Jahren aktiver Musiker bin, bin ich besonders an der musikalischen Kultur interessiert und strebe den Versuch an die orientalische Musik in einer Fusion mit meiner erlernten okzidental geprägten Musik zu verbinden. Erlernte Musikstrukturen zu durchbrechen um eine förderliche und neue Art des Komponierens/ Strukturierens von Musik zu versuchen.

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